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U.C.BERKELEY LIBRARIES
co^D7^blbö
Pittoreske Ansichten
der
Cordilleren
und
Monumente americanischer Völker
Alexander von Humboldt.
Tübingen,
in der J. G. Cotta'aehen Buchhandlung.
1810.
/
Denkmale von Völkern , die dufch langer Jalirhunderte
Ztvischeriraum von uns gerrennt sindj können unser Interesse
auf eine doppelte Weise fesseln. Gehören Kunstwerke, die
bis auf uiisre Zelten gtkommen sind , Natioien an , welche
schon einen beträchtlichen Grad der Cuitur erreicht hatten,
so erwecken sie unsre Bewunderung, theils durch die Har-
monie und Schönheit der Ff^rmen^ theils durch das Genie,
das sie gedacht hat Die Büste von Alexander, welche man
in den Gürten der Pisonen gefunden,- würde ein kostbares
Ueberbleib'sel des Alterthums seyn^ belehrte uns ihre Inschrift
auch nicht , dafs sie die Gesichtszüge des Ueberwinders bei
Arbela darstellt. Ein geschnittener Stein , eine Münze aus
den schönen Zeiten von GriechcMiland ist dem Kunstfreunde
wegen des grofsen Styls Und der vollendeten Arbeit auch
dann wichtig, wenn weder eine Tradition, noch ein Mo-
Bogramni beide an einen bestimmten Zeitraum der Geschich-
te anknüpft. Diefs ist das Vorrecht alles dessen, was die
Kunst unter dem Hinimel von Klein-Asien und einem Theil
des südlichen Europa's gebildet hat!
Diifü können aber Denkmale von Völkern , die keinen
hohen Gravi von intellectueiler Cuitur erreicht haben, odeit*
welche, theils wegen politischer und religiöser Ursachen,
theils wegen der Beschaffenheit ihrer Organisation , für
Schoiiheit der Formen, weniger empfänglich waren, nur als
historische Monumente Aufmerksamkeit verdienen. In diese
Klasse gehören diejenigen Reste von Bildhauer- Arbeit, wel-
che in den grofsen Landern zwischen dem Euphrat und den
östlichen Küsten Asiens zerstreut sind. Die Idole von Thi-
Uumhoi ^':< pitt. Ans.d. Cordill. t
bet und Indostan , so wie die, welche man auf dem Central-
Plateau der Mongolei gefunden hat, ziehen unsre Auf-
merksamkeit an, weil sie über die alten Verbindungen der
Völker und über den gemeinschaftlichen Ursprung ihrer
mythologischen Ueberlieferungen Licht verbreiten.
Die rohsten Werke, die seltsamsten Formen, jene Mas-
gen von ausgehauenen Felsen , die nur durch ihre Gröfse ,
und das hohe Alterthum , welches ihnen beigelegt wird,
Ehrfurcht gebieten , die ungeheuren Pyramiden, die das Zu-
sammenarbeiten einer Menge von Menschen verrathen ; al-
les dieses knüpft sich an das philosophische Studium der
Geschichte an.
Aus gleichem Grunde sind die schwachen Ueberbleib-
sel der Kunst, oder vielmehr der Industrie der Völker der
neuen Welt unserer Aufmerksamkeit würdig. Ueberzeugt
von dieser Wahrheit habe ich daher auf meinen Reisen alles
gesammelt, was mich thätige Wifsbegierde in einem Lande
entdecken liefs , wo, während ganzer Jahrhunderte von
Barbarei, die Intoleranz Alles, was auf die Sitten und den
Gottesdienst der alten Bewohner Bezug hatte, zerstörte; wo
man Gebäude niederriefs, blos um die Steine derselben an-
ders zu benutzen, oder um nach verborgenen Schätzen zu
forschen.
Die Vergleich ung, welche ich zwischen den Kunstwer-
ken von Mexico und Peru und denen der alten Welt anzu-
stellen gedenke, wird einiges Interesse über meine Nach-
forschungen, und über den mahlerischen Atlas verbreiten ,
der die Resultate derselben enthält. Frei von Systemssucht,
werde ich die Analogien, welche sich von selbst anbieten,
darlegen, und diejenigen, so eine Identität der Ra9e zu er-
weisen scheinen, von denen unterscheiden, die wahrschein-
lich ntir auf innere Ursachen, und auf jene Aehnlichkeit
Bezug haben, welche sich in der Entwicklung der intellec-
tuelien Kräfte aller Völker darstellt. Ich mufs mich hier auf
- 3 -
eine kurze Beschreibung der, auf den Kupfertafeln vorge-
stellten, Gegenstände beschränken. Die Folgerungen, auf
welche diese Monumente zusammengenommen zu führen
scheinen, können erst in dem Reisebericht abgehandelt wer-
den. Da die Völker, denen man diese Gebäude und Bild-
nereien beimifst, noch vorhanden sind, so mag ihre Physio-
gnomie und die Kenntnifs ihrer Sitten zur Aufklärung der
Geschichte ihrer Wanderungen dienen.
Nachforschungen über Monumente, die von halbwilden
Völkern errichtet worden sind , haben noch ein anderes In-
teresse, das man das psychologische nennen könnte. Sie
stellen uns ein Gemähide von den gleichförmigen Fortschrit-
ten des menschlichen Verstandes dar. Die Werke der ersten
Bewohner von Mexico stehen zwischen jenen der scythischen
Völker und den alten Denkmalen von Indostan in der Mitte.
Welch ein imposantes Schauspiel zeigt uns der menschliche
Verstand, wenn wir den Raum zwischen den Grabmahlen
auf Tinian und den Bildsäulen auf der Osterlnsel bis zu den
Monumenten des mexicanischen Tempels zu Milta, und
dann wieder zwischen den unförmlichen Idolen dieses Tem-
pels bis zu den Meisterwerken eines Praxiteles und Lysip-
pus durchlaufen !
Wundern wir uns nicht über die Rohheit des Styls und
die Unrichtigkeit der Umrisse in den Werken der america-
nichen Völker. Sehr frühe Vielleicht von dem übrigen Men-
sehengeschlecht abgesondert, ein Land durchirrend, wo der
Mensch lange gegen eine wilde, stets unruhige, Natur zu
kämpfen hatte , und sich völlig selbst überlassen , konnten
sie sich doch wohl nur langsam entwickeln. Das Östliche
Asien, West- und Nord -Europa zeigen uns ähnliche Er-
scheinungen. Wenn ich aber auf sie hinweise, werdeich
mich nicht darauf einlassen, über die geheimen Ursachen zu
entscheiden , wegen deren sich der Keim der schönen Kün-
ste nur auf einem sehr kleinen Theil des Erdbodens ent-
— 4 —
wickelt hat. Wie viele Nationen der alten Welt lebten um-
geben von Allem, was die Einbildungskraft begeistern konn-
te, unter gleichem Himmelsstriche mit Griechenland, ohne
sich darum je zum Gefühl für schöne Formen zu erheben,
einem Gefühl, das die Kunst nur da geleitet, wo griechi-
scher Genius sie befruchtet hatte !
Diese Betrachtungen werden hinreichen, den Zweck zu
bestimmen , welchen ich mir bei Bekanntmachung dieser
Bruchstücke von americanischen Denkmalen vorgesetzt habe.
Ihr Studium kann eben so nützlich werden , als das der un-
ausgebildetsten Sprachen , welche nicht allein durch ihre
Analogie mit bekannten Sprachen , sondern auch durch das
innige VerhUltnifs, das zwischen ihrem Bau und dem Intel-
ligenz-Grade des , mehr oder minder von der Civilisation
entfernten, Menschen statt findet , merkwürdig sind.
Wenn ich in eben demselben Werk die rohen Denkmale
der Ureinwohner von America, und die mahlerischen An-
sichten des Gebirgslandes, welches diese Volker bewohnt
haben, darstelle, so glaube ich Gegenstände zu vereinigen,
deren gegenseitige Beziehung denen, die sich mit dem phi-
losophischen Studium des menschlichen Geistes besclfüfrigen,
nicht entgangen ist. Hängten auch gleich die Sitten der Na-
tionen, die Entwicklung ihrer Verstandskrafte und der el-
genthümliehe Karakter ihrer Werke von einem Zusammen-
treffen vieler, nicht blos Örtlicher, Ursachen ab, so habeh
doch ohne Zweifel Clima, Bildung des Bodens, die Physio-
gnomie der Pflanzen, der Anblick einer lachenden oder wil-
den Natur auf die Fortschritte der Kunst und auf den unter-
scheidenden Styl ihrer Werke den entschiedensten Einilufff.
Dieser ist um so bemerkbarer, je entfernter der Mensch von
der Civilisation steht. Welcher Contrast zwischen der Ar-
ehitectur eines Volks, das grofse finstere Höhlen bewahnt
hat, und zwischen den kühnen Monumenten von solchen ,
die länge Zeit al& Namadenhorden gelebt, wo die Silul^i»-
— 5 —
«chKfte an di> schlanken Palmbäume der Wüste erinnern !
Will man den Ursprung der Kunst genau kennen, so mufs
man die Beschaffenheit des Bodens, auf dem sie entstauden
ist, Studiren, Nur bei den Gebirgs - Völkern von America
ünden sich merkwürdige Denkmale. Abgesondert in der
Wolkenregion, auf den höchsten Plateau's der Erde, von
Vulcanen umringt, deren Kratern mit ewigem Eis umgeben
sind, scheinen sie in der Abgeschiedenheit ihrer Wüsten
nur das, was die Einbildungskraft durch Gröfse der Tvlassen
ergreift, zu bewundern, und tragen ihre Werke auch das
Gepräge der wilden Natur der Cordilleren.
Ein Theil von diesem Atlas soll die grofsen Naturscenen
dieses Gebirgs kennen lehren. Indefs hat man weniger die-
jenigen, welche einen mahlerischen Effekt machen, zu zeich-
nen gesucht, als die Umrisse der Berge, die Thäler, von
denen ihre Seiten durchfurcht sind, und die imposanten
Fälle der Giefsbäche darstellen wollen. Die Anden verhal-
ten sich zu der Gebirgskette der Hochalpen, wie diese sich
zu den Pyrenäen. Was ich romantisches oder grandioses
an den Ufern der Saverne , im nördlichen Deutschland, in
den euganeischen Gebirgen, nuf der Centralkette von Eu-
ropa, auf dem jähen Abhang des Vulcans von Tenerifia ge-
sehen habe, das Alles findet sich in den Cordilleren der
neuen Welt vereinigt. Jahrhunderte würden nicht hinreichen,
die Schönheiten zu betrachten , und die Wunder zu entde-
cken, welche die Natur dort auf einer Strecke von 2500 Mei-
len, von den Granitgebirgen der magellanischen Meerenge,
bis zu den Nachbar- Küsten des östl chen Asiens hin, zer-
streut hat. Ich würde meinen Zweck daher erreicht zu ha-
ben glauben , wenn die schwachen Skizzen , welche dieses
Werk enthält, kunstliebende Reisenden befeuerten, jene
Gegenden, die ich durchlaufen habe, zu besuchen, um die
majestätischen Landschaften, mit denen die der alten Welt
gar keine Vergleichung aushalten, getreulich darzustellen.
Kupfertafel I. und IL
Büste einer Priesterin der Azteken,
An der Spitze meines mahlerischen Atlasses steht ein
kostbares Ueberbleibsel von aztekischer Bildhauerei. Diese
Büste ist aus Basalt gearbeitet, und wird zu Mexico in dem
Cabinet eines einsichtsvollen Kunstfreunds, des königl. spa-
nischen Capitäns, Herrn Dupe, aufbewahrt. Dieser unter-
richtete Officier, welcher in seiner Jugend den Geschmack
für die Kunst in Italien eingesogen, hat das Innere von Neu-
Spanien verschiedenemale in der Absicht bereifst, die mexi-
canischen Denkmale zu studieren. Mit vorzüglicher Sorg-
falt zeichnete er die Reliefs an der Pyramide von Papantla,
über die er ein sehr merkwürdiges Werk würde liefern
können.
Die Büste, welche in ihrer natürlichen Gröfse und von
zwei Seiten (Tafel i. und 2,) dargestellt ist, fä It besonders
durch eine Art von Kopfputz auf, der mit dem Schleier, oder
der Calantica der Isisköpfe, der Sphinxe, ider Antinousse
und vieler andrer egyptischen Statuen Aehnlichkeit hat.
Indessen ist zu bemerken, dafs bei dem egyptischen Schleier
die zwei Enden , weiche sich unter die Ohren herab ver-
längern, meistens sehr klein, und in die Queere gefaltet
sind. An mehreren Statuen des Apis, in dem kapitolinischen
Museum, sind die vordem Enden bauchigt und der Länge
nach gestreift, die hintere Seite aber, welche den Hals be-
rührt, ist ohne Ausnahme platt, und nicht, wie bei dem
mexicanischen Kopfputz , gerundet. Dieser hat vielmehr mit
der gestreiften Draperie an den Köpfen , welche in die Ka-
pitaler der Säulen zu Tentyris eingefügt sind, die gröste
Aehnlichkeit, wie man sich durch die genauen Zeichnun-
gen überzeugen kann, die Herr Denon, in seiner Reisenach
Egypten, Tafel 40 und i2.\, davon geliefert hat.
Die kannelierten Wulste an dem americanischen Kunst-
— 7 —
werk, welche sich gegen die Schultern verlängern, sind
vielleicht Haarmassen, gleich den Locken, die sich an einer
Statue der Isis von griechischer Arbeit, in der Bibliothek der
Villa Ludovisi, in Rom, vorfinden. Diese sonderbare An-
ordnung der Haare fällt besonders an der Rückseite der Büste,
auf der zweiten Platte, auf, wo sie einen grofsen Beutel,
der in der Mitte durch einen Knoten befestigt ist, vorstellt.
Der berühmte Zoega, den der Tod vor Kurzem den Wissen-
schaften entrissen, hat mich versichert, dafs er einen voll-
kommen ähnlichen Beutel an einer kleinen Statue des Osiris
von Bronze, in dem Museum des Cardinais Borgia, zu Ve-
letri, gesehen habe.
Die Stirne der aztekischen Priesterin ist mit einer Reihe
Perlen geschmückt, welche eine sehr schmale Binde einfas-
sen. Diese Perlen hat man noch an keiner egyptischen Sta-
tue wahrgenommen. Sie deuten die Verbindung an, welche
zwischen der Stadt Tenochtitlan, dem alten Mexico, und
den Küsten von Californien statt fand, wo sie in grofser
Menge gefischt wurden. Der Hals ist in ein dreieckigtes
Tuch eingehüllt, an welchem mit vieler Symmetrie zwei
und zwanzig Troddeln oder Schellen herabhängen. Diese
Schellen, so witf auch den Haarputz, sieht man an einer
Menge von mexicanischen Statuen, Basreliefs und hierogly-
phischen Gemählden. Sie erinnern an die kleinen Aepfel
und Granatfrüchte, die an dem Rock des Hohenpriesters bei
den Hebräern angebracht waren.
An dem Vordertheil der Büste, einen halben Decimeter
über d^r Base, bemerkt man zu beiden Seiten die Zehen;
dagegen finden sich aber keine Hände, was die Kindheit der
Kunst be weifst. Man glaubt auf der Rückseite wahrzuneh-
men, afs die Figur sitzend, oder gar kauernd vorgestellt
ist. Es ist zu verwundern, dafs die Augäpfel nicht ausge-
drückt sind, da sie sich doch an den Basreliefs, welche
neuerlich zu Oaxaca entdeckt worden sind, voriinden. (S.
Tafel XL)
Der Basalt an dieser Figur ist sehr hart, und von schö-
ner Schwarze. Es ist ein achter, mit einigen Körnern von
Peridot vermischter, Basalt, und nicht lydischer Stein, oder
Porphyr mit einer Base von Grünstein, den die Antiquarien
gemeiniglich ägyptischen Basalt nennen. Die Falten des
Kopfputzes, und besonders die Perlen sind äufserst fein aus-
gearbeitet^ wenn schon der Künstler, welcher, aus Mangel
an Meifseln von Stahl, mit kupfernen, mit Zinn vermischten,
Werkzeugen, dergleichen ich aus Peru mitgebracht habe,
arbeiten, und defswegen bei der Ausführung grofse Schwie-
rigkeiten finden mufste.
Diese Büste ist unter den Augen des Herrn Dup^ durch
einen Zögling der Mahlerakademie zu Mexico sehr f':enau
gezeichnet worden. Sie hat o"\ 38 Höhe, und o"^, 19 Breite,
Ich habe ihr die Benennung : Büste einer Priesterin , die
man ihr im Lande selbst giebt, gelassen. Es könnte übri-
gens wohl seyn, dafs sie irgend eine mexicanische Gottheit
darstellt, und ursprünglich unter den Penaten gestanden hat.
Diese Muthmafsung wird durch den Kopfputz und die Perlen
gerechtfertiget, welche sich an einem, in den Ruinen von
Tezcuco gefundenen , Idol , das ich zu Berlin in dem Kabi-
net des Königs von Preussen niedergelegt habe, vorfinden.
Des Halsschmuck und das Nichtunförmliche dts Kopfs ma-
chen es hingegen wahrscheinlicher, dafs die Büste ein ge-
wöhnliches aztekisches Weib vorstellt. Unter dieser Vor-
aussetzung könnten aber die kannelierten Wulste, welche
sich gegen die Brust hin verlängern, keine Haarlocken seyn;
denn der Oberpriester, oder Tepanteohuatzin, schnitt
den Jungfrauen, welche sich dem Tempeldienst widmeten,
die Haare ab.
Eine gewifife AehnUohkeit zwischen der Calantica der
Isis -Köpfe und dem mexicanischen Kopfputz, oie Pyrami-.
— 9 —
den mit mehrern Absätzen , gleich denen zu Fejum ; dann
der häufige Gebrauch der hieroglyphischen Mahlerei, die
fünf Ergänzungstage , so dem mexicanischen Jahre beigefügt
wurden, und welche ^n die Epagomenen des memphiti-
schen Jahres erinnern, bieten sehr merkwürdige Verglei-
chungspunkte zwischen den Völkern des alten und des
neuen Continents dar. Uebrlgens sind wir weit davon ent-
fernt, uns Hypothesen zu überlassen, welche eben so
schwankend und gewagt seyQ wiirden, als diejenigen, kraft
deren man aus den Cliinesen eine egyptische Colonie, und
aus der baskischen Sprache einen hebräischen Dialekt ge-
macht hat. Untersucht man die Thatsachen einzeln, so ver-
schwinden die meisten dieser -Aehnliphkeüen wieder. So
ist, zum Beispiel, das mexicanische Jahr, troz seiner Epa-
gomeren, von dem egyptischen durchaus verschieden. Ein
grofser Geometer, der sich die Mühe genommen , meine mit-
gebrachten Bruchstücke zu untersuchen, hat mittelst der
mexicanischen Interca ation gefunden, dafs die Länge des
tropischen Jahrs der Azteken mit der Lange, welche die
Astronomen des Alamon herausgebracht haben , identisch
ist. (^Laplace , exposltion du Systeme du monde, 3"*®
^dit, P. 554.)
Steigt man in die ältesten Zeiten empor, so weifst uns
die Geschichte auf mehrere Mittelpunkte der Civilisation ,
deren gegenseitige Verhältnisse zu einander uns völlig un-
bekannt sind, wie z. B^ Meroe, Egypten , die (Jfer des Eu-
phrats, Indastan qnd China, Andre, noch ältere, Heerde
der Menschenbildung standen vielleicht auf dem Plateau von
Central - Asien ; und dem Wiederschein der letzten möchte
man wohl den Anfang der americanischen Civili3ation bey-
ipessen,
— lo —
Dritte KupfertafeL
Ansicht des grofsen Platzes zu Mexico,
Tenochtitlan , die Hauptstadt von Anahuac, welche im
Jahr 1325 in dem westlichen Theil des Salz- Sees von Tez-
cuco, auf einer Gruppe kleiner Inseln gegründet wurde,
ward während der fünf und siebenzigtägigen Belagerung
1521 gänzlich zerstört. Cortez erbaute die neue Stadt, welche
nahe bei i40,oooEinwohnerzählt auf den Trümmern deralten,
wobei man den ehemaligen Richtungen der Strafsen folgte.
Dagegen wurden die Kanäle, welche sie vormals durch-
schnitten, nach und nach eingefüllt, und Mexico läfst sich
heutzutag durch die Verschönerungen des Vicekönigs, Grafen
von Revillagigedo, den vorzüglichsten Städten von Europa
vergleichen. Der grofse Platz, welcher auf der dritten
Platte vorgestellt ist, begreift den Raum, den vormals der
grofse Tempel des Mexitli einnahm, der, wie alle Teo-
callVs^ oder mexicanische Götterhäusern, ein pyramidali-
8ches Gebäude, und demnach dem babylonischen Monument
des Jupiter Belus ähnlich war. Zur Rechten sieht man den
Pallast des Vicekönigs von Neu-Spanien, ein Gebäude von
einfacher Architectur, das ursprünglich der Familie Cortez,
d. i. des Marques del Falle de Oaxaca , Duca de
Monteleone , zugehörte. In der Mitte des Kupferstichs
zeigt sich die Hauptkirche, wovon ein Theil (e/ sagrario)
in dem alten indischen oder maurischen Styl , den man ge-
wöhnlich den gothischen nennt, erbaut ist. Hinter der Kup-
pel des Sagrario, an der Ecke der Strafse del Indio triste
und der von Tacuba, stand ehemals der Pallast des Königs
Axajacatl, in welchem Montezuma den Spaniern bei ihrer
Ankunft in Tenochtitlan Wohnung anwiefs. Der Pallast
von Montezuma selbst befand sich auf der rechten Seite der
Hauptkirche, dem gegenwärtigen Pallaste des Vicekönigs
gegenüber. Ich halte für dienlich, diese Lokalitäten zu be-
merken, weil sie für diejenigen, welche sich mit der Ge-
II
^schichte der Eroberung von Mexico beschäftigen, nicht ohne
Interesse sind.
Die Plaza mayor^ die man nicht mit dem grofsen
Marktplatze von Tlatelolco verwechseln darf, den Cor-
tez in seinen Briefen an Kaiser Karin V. beschreibt, ist seit
1803 auf Kosten des Vicekönigs , Marquis von Branci-
forte, mit dem Bilde Königs Karls IV. zu Pferde geziert.
Diese bronzene Statue ist in einem vorzüglich reinen Style,
und sehr schön ausgeführt. Sie wurde durch einen und eben-
denselben Künstler, Don Manuel Tolsa, aus Valencia in
Spanien gebürtig, und Directoren der Classe der Bildhauerei
bei der Academie der schönen Künste zu Mexico, gezeich-
net, modcllirt, gegossen und aufgestellt. Man weifs nicht,
ob man mehr das Talent, oder den Muth und die Beharr-
lichkeit des Künstlers bewundern soll, die er in einem Lan-
de, wo er alles erst erschaffen, und die mannichfaltigsten
Hindernisse überwinden mufste , an den Tag gelegt hat.
Der erste Gufs dieses schönen Werks gelang sogleich; es hat
nahe bei 23,000 Kilogrammen Gewicht, und ist um zwei
Decimeters höher, als die Statue Ludwigs XIV. zu Pferde,
welche ehmals auf dem Platze Vendome, in Paris, gestan-
den hat. Man besafs Geschmack genug, das Pferd nicht zu
vergolden , und begnügte sich , es mit einem o'ivenfarbigen,
ins Braune stechenden Firnis zu überziehen. Da die Häuser
um den Platz her im Ganzen niedrig sind, so erscheint die
Statue auf dem Luftgruiide ; was auf dem Rücken der Cor-
dilleren, wo die Atmosphäre tief blau ist, eine sehr mah-
lerische Wirkung hervorbringt. Ich war bei dem Transport
dieser ungeheuren Masse, von dem Ort des Gufses an bis
auf die Plaza mayor , gegenwärtig. In fünf Tagen legte sie
eine Strecke von ungefähr 1600 Meter zurück. Die mecha-
nischen Mittel, welche Herr Tolsa anwandte, um sie auf
das Gestell von schönem mexicanischen Marmor zu heben ,
— 12 —
sind sehr sinnreich, und verdienten eine ausführliche I3e-
schreibung.
Gegenwärtig hat der grofse Platz von Mexico eine unre-
gelmäfsige Form, und diefs, seit dem man auf demselben,
gegen Cortez Plan, ein Viereck, das die Buden des Parlan
enthält, erbaut hat. Um diese Unregelmäfsigkeit zu ver-
bergen, hat man für zweckm'äfsig erachtet , die Statue, wel-
che die Indianer nur unter dem Namen des grofseti Pferds
kennen, in einer besondern Einfassung; aufzustellen. Dieser
Raum ist mit grofsen Porphyrplatten belegt, und um 5 De-
cimeters über die nahgelegenen Strafsen erhaben. Das Oval,
dessen grofser Durchmefser hundert Meters halt, ist mit vier
Spring-Brunnen umgeben, und, zu grofsem Mifsvergnügen
der Eingebohrnen, durch vier Thüren, deren Gitterwerk
man mit Bronze verziert hat, verschlossen.
Der Stich, welchen ich liefere, ist eine getreue Kop'e
von einer gröfsern Zeichnung des Herrn Ximeno , eines
Künstlers von ausgezeiqhnetem Talent, und Directors der
Klasse der Mahlerei bei der Academie in Mexico. Aus-
serhalb der Einfassung sieht man das Kostüm der Guachi-
nango's, oder des niedrigen, mexicanischen Volkes. (Siehe
meinen Versuch über das Königreich Neu-Spanieriy ^n
verschiedenen Stellen,)
Vierte KupfertafeL
Natürliche Brücken über den Icononzo,
Unter den reichhaltigen majejjt'ätischen Scenen, welchen
man in den Cordilleren begegnet , ergreifen die Thaler des
europäischen Reisenden Einbildungskraft am meisten. Nur
aus einer , sthr ansehnlichen , Entfernung und von den Ebe-
nen aus, die sich von den Küsten bis zumFufs der Central-
kette erstrecken, kann das Auge die ungeheure Höhe dieser
Gebirge ganz ermessen. Pie Plateau's^ {welche ihre, mitewi^
— 13 —
gern Schnee bedekten , Gipfel einfassen , liegen grÖfsten-
theilszweitausend fünfhundert, bis drei tausend Metres über
der Meeresfläche. Dieser Umstand schwächt den Eindruck
vonGröfse, welchen die Kolossalen-Massen des Chimborazo,
des Cotopaxi und Antisana, von den Plateau*s von Riobamba
und Quito aus betrachtet, machen, bis auf einen gewifsen
Punkt. Bei den Thälern aber verhält es sich anders als bei
den Gebirgen. Tiefer und enger, als die Alpen- und Pyre-
näen-Thäler, enthalten die Thäler der Cordilleren Ansich-
ten , die den wildesten Karakter tragen , und die Seele mit
Bewunderung und Schauder erfüllen. Sie sind Klüfte, de-
ren Grund und Rand mit einer kraftvollen Vegetazion ge-
schmükt, und deren Tiefe oft so ansehnlich ist, dafs man
den Vesuv und den Puy-de-Dome hineinstellen könnte, ohne
dafs ihre Gipfel über der nächsten Gebirge Saum wegragten.
Durch die merkwürdigen Reisen des Herrn Ramond ist das
Thal von Ordesa bekannt worden , das sich von Mont-Perdu
herabsenkt, und dessen mittlere Tiefe ungefähr neun hundert
Meters (vierhundert neun-und fünfzig Toisen) hält Auf
unsrer Reise auf dem Rücken der Anden, von Pasto nach der
Stadt Iharra , und beim Heruntersteigen von Loxa gegen
die Ufer des Amazonen-Strotrjs , haben wir, Herr Bonpland
und ich , die berühmten Klüfte von Chotha und Cutaco
durchschnitten, von denen die eine über fünfzehnhundert,
und die andre über dreizehnhundert Fufs perpendicularer
Tiefe hat. Allein um eine Vollständigere Idee von der Grcifse
dieser geologischen Phänomene zu geben, mufs ich bemer-*
ken, dafs der Grund diefer Klüfte nur um ein Viertheil nie-
driger über dem Meeresfpiegel steht, als die Strassen über
den St. Gotthard und den Mont-Cenis.
'> Im Thal vor Icononzo ist der Sandstein aus z'^o verschie-
denen Fels- Arten zusammengesezt. Ein sehr kompakter und
quartziger Sandstein, mit wenig Cement , und beinah ganz
ohne Schichtenspaltungen , ruht auf sehr feinkörnigtem ^
— 14 —
und in unzählige, äusserst kleine und beinah horizontale
Lagen getheiltem. Sandsteinschiefer. Man darf annehmen ,
dass die kompakte und quarzige Lage bei der Bildung der
Kluft der Gewalt, welche diese Gebirge zerrifs, widerstan-
den hat , und dafs nur die ununterbrochene Fortfetzung die-
ser Lage die Brücke ausmacht, auf welcher man von einem
Theil des Thals nach dem andern gelangt. Dieser natür-
liche Bogen hat 14 § Meter Länge, ur d 12 ™, 7 Breite. Seine
Dicke ist im Mittelpunktes*", 4. Durch sehr sorgfältige
Versuche, die wir mit dem Fall von Körpern angestellt,
und vermittelst eines Chronometers von Berthoud, haben
wir die Höhe der obern Brücke über die Wasserfläche deg
Waldstroms zu 97 ^", 7 herausgebracht. Ein sehr aufge-
klärter Mann, Don lorge Lozano, welcher ein angenehmes
Landgut in dem schönen Thal von Fusagasuga besitzt , hatte
schon vor uns diese Hohe mit dem Senkblei gemessen, und
sie von hundert und zwölf Varas (93 '", 4.) gefunden ; sP
dafs die Tiefe des Stroms , bei mittlerem Wasserstand , sechs
Meters zu seyn scheint. Die Indianer von Pandi haben zur
Sicherheit der Reisenden, welche in diesem öden Lar,de in-
defs sehr selten sind, eine kleine Balustrade von Rohren
angelegt, die sich gegen den Weg, der nach der obern
Brücke führt , verlängert.
Zehn Toisen unter dieser ersten natürlichen Brücke
befindet sich eine andere, zu der wir auf einem engen Pfad,
welcher an dem Rand der Kluft hinabsteigt, geführt wur-
den. Drei ungeheure Felsenmassen fielen nemlich gerade
so , dafs eine die andere stüzt. Die in der Mitte bildet
den Schlufsstein des Gewölbs , und dieser Zufall hätte
bei den Eingebohrnen leicht die Idee von Bogen mauerwerk
erwecken können, das den Völkern der neuen Welt eben
so unbekannt war , als den alten Bewohnern von Egy pten*
(jLoega , de Oheliscis , S. 407). Indefs will ich nicht ent-
scheiden, ob diese Bruchsteine von fern her geschleudert
- 15 -
worden , oder ob sie blos Fragmente eines , zum Theil
zerstörten , Bogens sind , welcher ursprünglich der obern ,
natürlichen Brücke ahnlich war. Leztere Vermuthung wird
dorch einen analogen Zufall in dem Colosseum zu Rom
wahrscheinlich, wo man an einer halbzusammengestürzten
Mauer mehrere Steine bemÄkt, die in ihrem Falle dadurch
aufgehalten wurden, dafs sie im Sturze zufälligerweise ein
Gewölbe bildeten.
Mitten in der zwoten Brücke von Icononzo befiodee
sich ein Loch von mehr als acht Quadratmetern Umfang,
durch welches man in den Abgrund hinabsehen kann , und
wo wir auch unsre Versuche über den Fall der Körper ange-
stellt haben. Der Strom fcheint in einer finstern Höhle «u
fliessen; und das klägliche Geräusch, das man hört, rührj.
von einer Menge Nachtvögel her, welche die Kluft bewoh-
nen , und die man im Anfang gern für die gigantischen Fle-
dermäuse halten möchte, welche in den Aequinoktial - Ge-
genden so bekannt sind. Man sieht sie zu Tausenden über
dem Wasser flattern.
Indefs haben uns die Indianer versichert , dafs diese Vö-
gel von der GrÖfse eines Huhns sind, Eulen- Augen und
einen gekrümmten Schnabel haben. Man nennt sie Cacas ,
und die Einförmigkeit der Färbung ihres Gefieders , das ein
bräunliches Grau ist, macht mich glauben , dafs sie nicht zu
dem Geschlecht des Caprimulgus gehören , dessen Gattun-
gen auf den Cordilleren in so vieler Mannichfaltigkeit vor-
handen sind. Wegen der Tiefe des Thals ist es unmöglich,
hrer habhaft zu werden , und wir konnten sie nicht anders
untersuchen , als dafs wir Feuerbrände in die Klüfte war-
fen , um ihre Wände zu erhellen.
Die Höhe der natürlichen Brücke von Icononzo über dem
Meeres-Spiegel ist achthundert drei und neunzig Meters^
(458 Toisen). In den Gebirgen von Virginien, und zwar
in der Grafschaft üoc^-i^ri^^e ist ein ähnliches Phänomen,
.1
wie die obere Brücke, die wir eben beschrieben haben.
Es wurde von Herrr; JefTerson mit der Sorgfalt untersucht
welche alle Beobachtungen dieses vortreflichen Naturkundi-
gen karakterisirt. (^Bemerkungen über Virgifiieti ^ 8.56)*
Die natürliche Brücke von Cedar-Kreck ^ in Virginien, ist
ein Bogen von Kalkstein , wflcher sieben und zwanzig
Meters üefnung hat, und seine Höhe über der Wasserfläche
des Stroms beträgt siebenzig Meters. Die Erdbrücke, (/iz^->
michacd) die wir auf der Senkung der Porphyr- Gebirge
von Chumhan, in der Provinz de los Paslos, gefunden
haben; die Brücke der Mutter Gottes, Dantcu genannt,^
bei Totoniico in Mexico , und der durchbrochene f eisen bei
Gyandola, in der Portugiesischen Provinz Alentejo , sind
geologische Phänomene, welche sämtlich mit der Brücke von
Icononzo einige Aehnlichkeit haben. Indefs zweifle ich, ob
man bis jezt irgendwo auf dem Globus einem so ausseror-
dentlichen Zufäll begegnet ist, wie der, welehcfr durch drei
Felsmassen , die sich gegenseitig stützen , ein [natürliche«
Gewölbe gebildet hat.
Fünfte K u p f e r t a f e L
Strasse über den Guindiu, in der Cordil-
lera der Anden.
in dem Königreich Neu-Granada , vom 2^30' bis zum
5O15' der N, Br. theilt sich die Anden-Cordillera in drei Pa*
rallei-Ketten , von denen blos die, auf beiden Seiten liegen»
den , in sehr beträchtlichen Höhen mit Sandstein und andern
secondaren Bildungen bedekt sind.
Die östliche Kette scheidet das Thal von dem Magda-
ienen-Flufs von den Ebenen des Rio Meta. Auf ihrem west-
lichen Abhang befinden sich die fiatürlichen Brücken von
icononzo, welche wir so eben beschrieben haben. Ihre
höchsten Gipfel sind der Pazam^i de la summa Paz, der
von
- 17 -
von C hingas a , und die Cerros de San - Fernando und
von Tuquillo* Indefs erhebt sich keiner bis zur Region des
ewigen Schnees, und ihre mittlere Höhe betr'ägtvier tausend
Meters, also fünfhundert und vier und sechzig Meters mehr,
als das höchste Gebirg in den Pyrenäen.
Die Central-Kette theilt ihre Wasser Zwischen dem
Bassin des Magdalenen-Flufses und dem des Rio Cauca. Oft
erreicht sie die Region des ewigen Schnees, Und über-
schreitet sie sehr ansehnlich in den colossälen Gipfeln des
Guanacas, des Baragan, und des Quindiu, welche sich fünf
bis sechsthalbtausend Meters über den Meeresspiegel erheben
Beim Aufgang und Untergang der Sonne gewährt diese Cen-
tral-Kette den Bewohnern von Santa -Fe ein prächtiges
Schauspiel , und erinnert , nur mit weit Imposanteren
Dimensionen, an die Alpenansichten in der Schweiz.
Die westliche Kette der Anden trennt das Thal des
Cauca von der Provinz Choco und den Küsten des Süd-
Meers* Ihre Hohe beträgt kaum fünfzehnhundert Meters,
und sie senkt sich ^ zwischen den Quellen des Rio Atracto'
und denen des Rio San^Juan , so stark, dafs man ihre Ver-
längerung gegen den Isthmus von Panama nur mit Mühe
verfolgen kann.
Diese drei Gebirgketten treff'en nordwärts ^ unter dem
ParatJelkreis von Muzo und Antioquia, dem 6^ u. 7^ der
N. Br. zusammetii Auch bilden sie im Süden von Pöpayan^
in der Provinz Pasto > eine einzige Gruppe, Eine Masse*
Uebrigens mufs man sie ja mit der Eintheilung der Cordil-
leren nicht Verwechseln, wie sieBoUgueründ la Condamine^
im Königreich Quito ^ vom Aequator bis zum a<* der S»
Er* beobachtet haben*
Die Stadt Santa Fe de Öogöta , die Hauptstadt Von Neu^
Granada liegt westlich Voil dem Paramo von Chihgasa ^ auf
einem Plateau, das sich in einer absoluten Höhe vOn zwei*
tausend sechshundert und fünfzig Meters auf dem Rückert
Humholdfs pitt. Ans.d. CordilU %
— i8 —
der östlichen Cordillera hinzieht Diese besondere Ge-
staltung der Anden macht , dafs man um von Santa Fe nach
Popayan und an die Ufer des Cauca zu kommen, entweder
über Mesa oder über Tocayma, oder über die natürlichen
Brücken von Icononzo von der östlichen Kette herabstei-
gen, das Thal von dem Magdalenenflufs durchschneiden,
und die Central - Kette passiren mufs. Die besuchteste
Strafse ist indefs die vom Paramo de Guanacas , welchen
Bouguer, auf seiner Rückkehr von Quito nach dem america-
nischen Carthagena, beschrieben hat. Auf diesem Weg legt
der Reisende den Kamm der Central-Cordillera, mitten in ei-
nem bewohnten Lande, in Einem Tag zurück» Indefs habe
ich dieser Strafse die über das Quindiu- oder Quindio-Gebirg,
zwischen den Städten Ibague und Carthago, vorgezogen,
(Der Eingang in diese Strafse ist auf der fünften Kupfertafel
vorgestellt). Ich habe diese geographischen Bestimmungen
für uneriUfslich gehalten, um die Lage eines Orts kennbar
zu machen, den man auf den besten Karten vom mittägli-
chen America, wie z. B. auf der von La Cruz, vergeblich
suchen Würde.
Das Quindiu-Gebirg (Er. 4^36', L'ang. 5O12') wird alä
die beschwerlichste Strafse in der Cordillera der Anden ange-
sehn. Es ist ein dichter, völlig unbewohnter Wald, den
man auch in der besten Jahrszeit nicht schneller, als in zehn
oder zwölf Tagen zurücklegt. Hier findet man keine Hütte ,
keine Lebensmittel, und die Reisenden versehen sich in jeder
Jahrszeit auf einen ganzen Monat mit Vorräthen , weil es
nur zu oft geschieht, dafs sie durch das Schmelzen des
Schnees und das plötzliche Anschwellen derGiesbäche so sehr
abgeschnitten werden, dafs sie weder auf der Seite von Car-
thago noch auf der von Ibague herabkommen können. Der
höchste Punkt des Wegs, die Garita del Paramo, liegt drei
tausend fünfhundert und fünf Meters über der FJäciie des
Oceans. Da der Fufs des Gebirgs, gegen die Ufer des Cauca
- 19 —
hin , nicht über neun hundert drei und sechszig Meters er-
haben ist, so geniefst man daselbst im Durchschnitt ein sehr
mildes und gemlifs'gtes Cllma. Der Pfad über die Cordillera ist
so eng , dafs seine gewöhnliche Breite nicht über 3 bis 4 Deci-
meters beträgt, und er gröstentheils einer offenen, durch den
Felsen gehaueren , Gallerle iihnlich ist. In diesem Theil
der Anden ist der Fels, wie beinah sonst überall, mit einer
dicken Thonlage bedeckt. Die Wasserbäche, welche von dem
Gebirg herabfliessen, haben Schluchten von sechs bis sieben
Meters Tiefe ausgespült. Diese Schluchten, in denen sich
der Weg fortzieht, sind mit Morast angefüllt, und ihre Dun-
kelheit wird noch durch die dichte Vegetation, welche ih-
ren Rand einfafst, Vermehrt. Die Ochsen , deren man sich
in diesen Gegenden gemeiniglich als Saumthiere bedient^
kommen nur mit gröfster Mühe in diesen Gallerlen fort,
welche bis auf zwei tausend Meters Lange haben. Hat man
das Unglück, solchen Saumthieren zu begegnen, so ist kein
anderes Mittel, ihnen aus dem Wege zu gehn, als den Pfad
wieder zurück zu wandeln, oder auf die Erdmauer zu stei-
gen, welche die Schlucht einfafst j und sich da an den Wur*
zeln fej%^?uhalten , die von dem Baumwerk der Hohen her-
vorragen.
Als wir im Monat October I§ot> zu Fufs ündmit^wÖlf
Ochsen , welche unsre Instrumente und Sammlungen trugen,
das Quindiu-Gebirg bereifk^en, litten wir sehr viel durch die
beständigen Plazregen, denen wir die drei oder vier letzten
Tage , bei unsrem Herabsteigen von dem westlichen Abhang
der Cordillera, ausgesetzt waren. Der Weg führte durch ein
sumpfiges, mit Bambusschilf bedecktes Land. Die Stacheln^
womit die Wurzeln dieser gigantesken Grasart bewafnet
sind , hatten unsre Fufsbekleidung so sehr zerrissen , dafs wir
genöthlgt waren , wie alle Reisenden, die sich nicht von
Menschen auf dem Rüchen tragen lassen wollen, baarfufs
zu gehen. Dieser Umstand, die bestandige Feuchtigkeit^
20 —
die Länge des Wegs, die Muskelkraft, welche man, um auf
dichtem und schlammigem Thon zu gehn, anwenden mufs,
und die Nothwendigkeit, durch sehr tiefe GiefsbUche von
äufterst kaltem Wasser zu waten, machen diese Reise ge-
wifs äufserst beschwerlich ; aber in so hohem Grade sie das
auch ist, so hat sie doch keine der Gefahren, womit die
Leichtgläubigkeit des Volks die Reisenden schreckt. Der
Pfad ist freilich schmal, aber die Stellen sind sehr selten^
da er an Abgründen wegführt. Da die Ochsen immer ihre
Beine in dieselben Fufsstapfen stellen, so bildet sich dadurch
eine Reihe von kleinen Gräben, die den Weg durchschnei-
den, und zwischen denen eine sehr enge Erderhöhung sich
ansetzt. Bei starkem Regen stehen diese Dämme unter dem
Wasser, und der Gang des Reisenden wird nun doppelt un-
sicher, da er nicht weifs, ob er auf den Damm oder in den
Graben seinen Fufs setzt.
Da nur wenige wohlhabende Personen in diesen Klima-
ten geübt sind , fünfzehn , bis zwanzig Tage hinter einan-
der, und auf so beschwerlichen Wegen, zu Fufs zu gehen,
so ^äfst man sich von Menschen tragen , welche sich einen
Sessel auf den Rücken gebunden haben ; indem es beim ge-
genwärtigen Zustand der Strafse über den Quindiu unmög-
lich wäre, sie auf Mauleseln zurückzulegen. Man spricht
daher in diesem Lande vom Reisen , auf dem Hucken ei-
nes Menschen y (^andar en cargucrai), wie man anderwärts
von einer Reise zu Pferd redet. Auch verbindet man gar
keine erniedrigende Vorstellung mit dem Gewerbe der Car-
gueros, und die, welche es treiben, sind keine Indianer^
sondern Metis, und manchmal sogar Weifse. Oft hört man
mit Erstaunen nackte Menschen, welche dieses, in unsern
Augen so entehrende , Handwerk treiben , mitten im Walde
sielt herumscreiten , weil der eine dem andern, welcher eine
weifsere Haut zu haben behauptet, die hochtönenden Titel,
Don und Sa Merced , verweii^ert. Die Cargueros tragen
-05- ai —
gewohnlich sechs bis stehen Arrohas (fünf und sichenzig
bis acht und achtzig Kiio}.>Tatnnie) , und manche sind so stark,
dafs sie sogar neun Arrohas aufladen. Bedenkt man die
ungeheure Anstrengung , welche diese Unglücklichen die
acht bis neun Stunden ?nachen müssen , so sie täglich in die-
sem Gebirgsland zurücklegen ; weifs man , dafs ihr Rücken
manchmal wund gedrückt wird , wie der der Saumthiere ,
und dafs die Reisenden oft grausam genug sind, sici wenn
sie krank werden, mitten im WaMe liegen zu lassen ; weif«
man überdiefs, dafs sie auf einer Reise von Ibague nach Car-
thago, in einer Zeit von fünfzehn und selbst von fünf und
zwanzig bis dreifsig Tage, nicht mehr, als 12 bis 14 Piaster
(60 bis 70 fr.) gewinnen , so begreift man kaum , wie alle
starke, junge Leute, dte am Fufs dieser Gebirge wohnen ,
das Gewerbe der Cargueros , eines der mühseligsten von al-
len , denen sich die Menschen ergeben , freiwillig wählen
können. Alleinder Haug zu einem freien, herumstreifen-
den Leben, und die Idee einer gewifsen Unabhängigkeit in
den Wälderi^ Hlfst sie diese beschwerliche Beschäftigung den
monotonen und sitzenden Arbeiten der Städte vorzieh n.
Indefs ist der Weg über das Quindiu-Gebirge nicht die
einzige Gegend im südlichsn America, wo man auf dem
Rüchen von Menschen reifst. Dxq ganze Provinz von An-
tioquia z. ß. ist mit Gebirgen umgeben, über welche so
schwer zu kommen ist, dafs diejenigen , die sich der Ge-
schicklichkeit eines Carguero nicht anvertrauen wollen,
ur.d nicht stark genug sind, um den Weg von Santa« Fe de
Antioquia nach der ßoca de Nares, oder nach dem Rio Sa-
mana zu Y\xU zu machen, dieses Land gar nicht verlassen
können. Ich habe einen Bewohner dieser Provinz gekannt ,
dessen Körperumfang ungewöhnlich grofs war. Er hatte
nur zween Metis gefunden, welche im Stande waren, ihn
zu tragen, und er hätte unmöglich wieder nach, Hause zu-
rückkehren können, wenn diese beiden Cargueros wah-
-— 22 —
rend seines Aufenthalts an den Ufern des IVTagdalenenflufses,
in Mompox oder in Honda, gestorben wären. Der Jürgen
Leute, die sich imCoeho, in Ibagueund in Medellin als Last-
thiere gebrauchen lassen, sind so viele, dafs man manchmal
ganzen Reihen von fünfzig bis sechzig begegnet. A's man
vor einigen Jahren den Plan hatte , den Gebirgsweg von
dem Dorfe Nares nach Antioquia für die Maulthierezu bah-
nen , so machten die Cargueros in aihr Form Vorstellungen
gegen die Verbesserung der Strafte, und die Regierung war
schwach genug, ihren Einwendungen zu willfahren. Indefs
mufs hier auch bemerckt werden > dafs die mexicanischen
Bergwerke eine Menschen^CJafse enthalten, die keine Be-
schäftigung hat, als Andere auf ihrem Rücken zutragen. In
diesen Klimaten sind die Weissen so träge, dafs jeder Berg-
werksdirektor einen oder zween Indianer in seinem Sold
hat, welche seine Pferde iCavaUitos) heifsen, weil sie
sich alle Morgen satteln lassen, und, auf einen kleinen Stock
gestützt, und mit vorgeworfenem Körper, ihren Herrn von
einem Theil des Bergwerks nach dem andern tragen. Unter
den Cavallitos und Cargueros unterscheidet und empfiehlt
man den Reisenden diejenigen, die sichere Füfse, und einen
sanften gleichen Schritt haben, und es thut einem recht
wehe, von den Eigenschaften eiiies Menschen in Ausdrücken
reden zu hören, womit man den Gang der Pferde und Maul-
thiere bezeichnet.
Diejenigen, welche sich auf dem Sessel eines Carguero
tragen lassen , müfsen mehrere Stunden hinter einander un-
beweglich und rückwärts den Körper gesenkt dasitzen. Die
geringste Bewegung würde den, der sie trägt, stürzen ma-
chen, und ein Sturz ist hier um so gefährlicher, da der
Carguero , in zu grofsem Vertrauen auf seine Geschicklich-
keit, oft die steilsten Abhänge wählt, oder auf einem schma-
len und glitschigen Baumast über einen Waldstrom setzt*
Indefs sind Unglücksfälle sehr selten, und müfsen, wo sie
- 23 —
auch geschehen sind, der Unklugheit der Reisenden beige-
messen werden, welche durch einen IVlifstritt ihres Car-
guero erschreckt, von ihrem Sessel herabgesprungen sind.
Die fünfte Kupfertafel stellt eine sehr pittoreske Gegend
vor; welche man beim Eingang in das Quindiu-Gebirge,
beilbague, auf einem Punkte sieht, der der Fufs von la
Cuesta heifst. Der abgestumpfte Kegel des Tolima, der mit
ewigem Schnee bedeckt ist, und durch seine Form an den
Cotopaxi und Cayambe erinnert, wird über einer Masse von
Granitfelsen sichtbar. Der kleine Flufs Combeima, der seine
Wasser mit denen des Rio Cuello vermischt, schlängelt sich
durch ein enges Thal, und bahnt sich seinen Weg durch ein
Gebüsch von Palmbäumen. Im Hintergrund sieht man einen
Theil der Stadt Ibague, das grofse Thal vom Magdalenen»
flufs und die östliche Kette der Anden. Von vorne erblickt
man einen Trupp Cargueros , welche den Weg in das Ge-
birge nehmen. Man bemerkt die sonderbare Art, womit
der Sessel, der von Bambusholz gemacht ist, auf den Schul-
tern fest gebunden, und durch ein Stirnband , wie bei Pfer-
den und Ochsen, im Gleichgewicht gehalten wird. Die Rolle,
welche der dritte Carguero in der Hand trägt , ist das
Dach, oder vielmehr das tragbare Kaus, defsen sich der Rei-
sende auf seinem Weg durch die Wälder des Quindiu be-
dient, Ist man in Ibague angekommen , und rüstet sich zu
dieser Reise , so läfst man in den benachbarten Gebirgen ei-
nige hundert Fz/ao-Blätter schneiden , einer Pflanze aus der
Familie der Pisangs, welche ein neues, an das des Thalia
gränzendes, Geschlecht bildet, und die man ja nicht mit
der Heliconia Bihai verwechseln darf. Diese Blätter , wel-
che häutig und glänzend sind, wie die des Musa, haben eine
ovale Form , 54 Centimeters (20 Zoll) Länge , und 37 Cen-
timeters ([4 Zoll) Breite. Ihre untere Fläche ist silber-
weifs und mit einer mehlichten Materie bedeckt, die sich
schuppenweisc ablöfst. Dieser eigenthUmliche Firnift
-- 24 --^
macht, dafs sie dem Regen lange widerstehen können.
Sammelt man sie, so n^acht man einen Einschnitt in die
Hauptrippe, welcher die Stelle des Hakens vertritt, an dem
man sie aufhängt, wenn man das tragbare Dach aufrichtet;
dann dehnt man sie aus, und rollt sie sorgfältig zu einem
cylinderförmigen Pack zusammen. Cm eine Hütte, in wel-
cher sechs bis acht Personen schlafen können, zu bedecken,
braucht man fünfzig bis serhszig Kilogramme Blätter.
KomYnt man mitten in den Wäldern auf eine Stelle, wo
der Boden trocken ist, und man die Nacht zubringen will,
so hauen die Cargueros einige Baumäste, die s e in Form ei-
nes Zelts zusamfuenstellen. In einigen Minuten ist dieses
leichte Gebälke mit Lianen • und Agaven-Fasern, die drei
sbts vier Declmeters von einander parallel laufen, in Qua-
drate getheilt. Während dieser Zeit hat man den Pack von
Vijao-BH^ttern auseinander gerollt, und mehrere Personen
sind beschäftigt, sie an dem Gegitter zu befestigen, das sie
am Ende, wie mit Dachziegeln, bedecken. Dergleichen Hüt-
ten sind sehr frisch und bequem, ob man sie gleich in grö-
ßter Eile auffiihrt. Bemerkt der Reisende bei Nacht, dafs
der Regen eindringt, so zeigt er nur die Stelle, welche
tropft, und ein einziges Blatt hilft dem Uebelstand ab. Wir
brachten im Thal von Hoquia mehrere Tage unter einem sol-
chen Blätterzelt, ohne nafs zu werden, zu, obgleich der
Regen sehr stark und beinah unaufhörlich war.
Das Quindiu-Gebirg ist eine der reichsten Gegenden an
nützlichen und merkwürdigen Pflanzen, Hier fanden wir
den Palmbaum {Cerascylon andicolci) , dessen Stamm mit
vegetabilischem Wachs bedeckt ist; Passionsblumen in Bäu-
men, und den prächtigen Mutisia grandiflora, dessen schar«
lachrothe Blumen sechszehn Centimeters (sechs Zoll) lang
sind. Die Wachs-Palme erreicht die ungeheure Höhe von
acht und fünfzig Meters, oder hundert und achtzig Fufs,
und d^r Reisende erstaunt, eine Pflanze, aus diesem Ge-
- 25 -
schlecht unter einer beinah kalten Zone, und über zwei-
tausend achthundert Meters über der MeeresflUche zu finden,
(Siehe meine Ide^nzu einer Geographie der Vflanzen^
6". 59. und mein Recueil d'observations astronomiqjtes ,
ß, 11. S. 21. Die Plantes eqitinoxiales decrites et puh-
liees par M, Bonpland, B. I. S. 3. 76 und I77, PI. I,
XXII. und L,
Sechste Kupfertafel.
JD er Fall des Tequendama*
Das Plateau, auf welchem die Stadt Santa- Fe de Bogo-
ta liegt, hat in mehreren Zügen Aehnlichkeit mit demjeni-
gen , auf welchem sich die mexicanischen Seen beiladen.
Beide sind hüher als das. Kloster auf dem Sanct Bernhard,
und zwar das erste zweitausend sechshundert und sechszig
Meters (1,365 Toisen); und das zweite zweitausend zwei-
hundert sieben und siabenzlg Meters (l,i68 Toisen) Über
dem Meeresspiegel erhaben. Das Thal von Mexico ist mit
einer Zirkelniauer von Porphyr- Gebirgen umgeben, und in
seiner Mitte mit Wasser bedeckt; indem keiner der vielen
Giefsbäche, die sich in dieses Thal herabstürzen, ehe die
Europäer den Kanal von Huehuetoca gegraben hatten, in
demselb**n einen A'isflufä fand. Das Plateau von Bogota ist
gleichermafsen mit hohen Gebirgen eir-gefafst, und der wag-
rechte Zustand seines Bodens, s«?ine geolocjische Beschaf-
fenheit, die Form der Felsen "von Suba und Facatativa, die
sich wie Eilande in der Mitte der Steppen erheben, alles
scheint hier das ehemalige^Daseyn eines Sees zu verrathen.
Ter Fiufs Funzha, welcher gewöhnlich Rio de Bogota heifst,
hat '•ich, nachdem er alle Wasser des Thals aufgenommen,
durch die Gebirge, die südwestlich von der Stadt Santa-Fe
lieg'Mi, ein Berte gebrochen. Bei der Pächterei Tequendama
verläfst er das Thal, und stürzt sich durch eine enge Oeff-
— 26 —
nung in eine Kluft, die sich gegen das Bassin des Magdale-
nen-FIufses herabzieht. Versuchte man es, diese Oeffnung,
die einzige indem Thai von Bogota, zu verschliefsen , so
würden diese fruchtbaren Ebenen sehr bald in einen See,
der den mexicanischen Seen ähnlich wäre, verwand 5t seyn.
Es ist gar nicht schwer, den E^influfs zu entdecken,
den diese geologischen Thatsacheri auf die Traditionen der
alten Bewohner der Gegenden gehabt haben. Indefs wollen
wir nicht entscheiden; ob der Anblick dieser Orte selbst bei
Völkern, welche von der Civilisation nicht mehr sehr ferne
waren, auf Hypothesen über die ersten Revolutionen des
Globus geleitet hat, oder ob die grofseu Ueberschwemmun-
gen im Thale von Bogota neu genug gewesen sind, um sich
im Andenken der Menschen zu erhalten. Ueberall vermi-
schen sich historische Ueberlieferungen mit religiü.cen Mei-
nungen, und es ist merkwürdig, hier an diejenigen zu er-
innern, welche der Eroberer dieses Landes, Gonzalo Xi-
menez de Quesada, als er zuerst in die Gebirge von Cun-
dinamarca eindrang, unter den Muyscas- Panchas- und
Natagaymas-Indianern verbreitet gefunden hat. (Siehe Lu*
cas Fernandez Piedrahita^ Obispo de Panama, Hi'
storia gener al del nuevo Reyno de Grenada, S. 17. ein
Werk, das nach Quesada's Handschriften ausgearbeitet ist.)
In den ältesten Zeiten, ehe noch der Mond die Erde be-
gleitete, erzählt die Mythologie der Muyscas^ oder Mozcas-
Indianer, lebten die Bewohner des Plateau von Bogota als
Barbaren, nakt, ohne Ackerbau, ohne Gesetze und ohne
Religion. Plötzlich erschien aber ein Greis unter ihnen ,
weicher aus den Ebenen östlich ^n der Cordillera von Chin-
gasa kam, und von einer andern Ra^e zu seyn schien, als
der der Eingebornen ; indem er einen langen , starken Bart
trug. Er w^ar unter drei verschiedenen Namen bekannt,
nemlich als Bochica, Nemquetheba und Zuhe. Dieser Greis
lehrte die Menschen, gleich Manco-Capac, sich zu beklei-
— 27 —
den, Hütten zu bauen, die Erde zu bearbeiten , und sich in
Gesellscnaft zu vereinigen. Bei sich hatte er eine Frau,
welcher die Tradition gleichfalls drei Namen giebt , und
zwar Chia, Yubecayguaya und Huythaca. Dieses Weib,
das aufserordentiich schein, aber auch eben so boshaft war,
arbeitete ihrem Mann in Allem, was er zum Glück der Men-
schen unternahm, entgegen. Durch ihre Zauberkünste
machte sie den Flufs Funzha anschwellen, dessen Wasser
das Thal von Bogota überschwemmten. In dieser Fluth ka-
.men die meisten Einwohner um, und nur einige retteten
sich auf die Spitze der benachbarten Gebirge. In seinem
Zorn hierüber verjagte der Greis die schöne Huythaca weit
von der Erde; sie wurde zum Mond, der von da an unseren
Planeten bei Nacht beleuchtet. Endlich zerriefs Bochica ,
sich der auf den Gebirgen umherirrenden Menschen erbar-
mend, mit mächtiger Hand die Felsen, welche das Thal,
auf der Seite von Canoas und Tequendama, schliefsen, liefs
die Wasser des Sees von Funzha durch diese Oefnung ab-
fliefsen , vereinigte die Volker aufs neue im Thal von Bogo-
ta, baute Städte, führte die Anbetung der Sonne ein, er-
nannte Oberhäupter, unter welche er die geistliche und welt-
liche Macht vertheilte, und zog sich am Ende, unter dem
Namen Idacanzas, in das heilige Thal von Iraca, bei Tun-
ja, zurück, wo er in üebungen der strengsten Bufse noch
über zweitausend Jahre lang fortlebte,
Reisende, die die Imposante Lage der grofsen Kaskade
des -Tequendama gesehen haben, werden sich nicht wun-
dern , dafs rohe Menschen diesen Felsen , welche wie von
Menschenhänden durchgehauen scheinen ; diesem engen
Schlund, in den sich ein Flufs stürzt, der alle Wasser des
Thals von Bogota aufnimmt; diesen Regenbogen, die in den
schönsten Farben glänzen, und jeden Augenblick ihre Form
verändern; dieser Dunstsäule, die sich wie eine dicke Wolke
erhebt, und die man in einer Entfernung von fünf Meilen
— ä8 —
bei einem Spaziergange um die St^adt Santa-Fe noch erkennt,
dafs sie allem diesem einen wunderbaren Ursprung gegeben
haben. V^on solchem majestätischem Schauspiel kann die
sechste Kupfertafel nur eine schwache Vorstellung geben ;
denn, wenn es schwer ist, die Schönheiten einer Kaskade
zu beschreiben, so ist es noch viel schwerer, sie in einer
Zeichnung fühlbar zu machen. Der Eindruck, den sie auf
die Seele des Beobachters machen , hängt von mehreren
Umständen ab. Die Wassermasse, die sich herabstürzt,
mufs in richtigem Verhältnifs zur Höhe ihres Falls seyn »
und die, sie umgebende, Gegend einen romantischen, wil-
den Karakter haben. Die Pissevache und der Staubbach in
der Schweiz haben eine sehr grofse Höhe , aber ihre Was-
sermasse ist unbeträchtlich. Der Niagara- und der Rhein-
fall hingegen zeigen eine ungeheure Wassermasge, aber ihr
F;ill ist nicht über fünfzig Meters Höhe. Eine Kaskade,
die mit nur wenig erhabenen Htigehi umgeben ist, macht
weniger Wirkung, als die Wasserfälle, die man in den tie-
fen Thälern der Alpen, der Pyrenäen, und besonders der
Anden- Cordillera sieht. Aufser der Höhe und dem Um-
fang der Wassersäule , aufser der Gestaltung des Bodens und
dem Anblick der Felsen , giebt die Kraft und die Form der
Bäume und der Graspflanzen, ihre Vertheilung in Gruppen,
oder einzelne StrUufse, und der Kontrast zwischen den Stein-
massan und der frischen Vegetation solchen grofsen Natur-
scenen einen besondern Karakter. So würde der Sturz des
Kiagara noch viel schöner seyn, wenn seine Umgebungen
statt sich unter einer nördlichen Zone , in der Gegend der
Pinien und Eichen zu befinden, mit Heliconia, Palmen und
baumartigem Farrenkraut geschmückt wären.
Der Fall (^ Salto) des Tequendama vereinigt ales, was
eine Gegend im höchsten Grade mahlerisch machen kann.
Indefs ist er nicht die höchste Kaskade auf der Erde, wie
man im Lande selbst glaubt (^Piedrahitn^ S. ly. Julian^
- 29 -
la Perla de la America^ provincia de Santa Martha^
1787» S. y.), und wie es die Physiker in Europa wiederholt
haben (^Gehler physicalisches Wörterbuch, B. IV. S. 655.)
Der Flufs stürzt sich nicht, wie Bouguer sagf (Figure de la
terre, 8.92.)» *« e^'"^" Abgrund von fünf bis sechshundert
Meters perpendiculäre Tiefe; aber es wird kaum eine Kas-
kade geben, welche bei einer so ansehnlichen Fallhöhe eine
so grofse Wassermasse enthält. Der Rio de Bogota hat,
nachdem er die Sümpfe zwischen den Dörfern Facativa und
Fontibon getränkt, noch bei Canoas, etwas über dem Salto,
eine Breite von vier und vierzig Metern, und ist also halb
so breit, als die Seine in Paris zwischen dem Louvre und
dem Palais des arts. Nahe bei dem Wasserfall selbst, wo
die Kluft, die durch ein Erdbeben gebildet zu seyn scheint,
nur zehn bis zwölf Meters Oefnung hat, verengt sich der
Flufs sehr. Aber noch zur Zeit der Dürre hat die Wasser*
masse, die sich in zween Streifen hundert und fünf und sie-
benzig Meters tief herabstürzt, ein Profil von neunzig Qua-
drat-Metern. Auf der Zeichnung dieser Kaskade hat man
zween Männer als Maasstab für die Gesamt- Höhe des Salto
angebracht. Der Punkt, auf welchem sie am obern Rande
stehn , ist zweitausend vierhundert sieben und sechszig Me-
ters über dem Meeresspiegel erhaben. Von diesem Punkte
bis an den Magdalenenstrom hat der kleine Flufs Bogota,
"Welcher am Fufs der Kaskade den Namen Rio de la Mesa,
oder de Tocayma, oder del Collegio annimmt, noch über
zweitausend einhundert Meters Fall, welches über hundert
und vierzig Meters auf die gewöhnliche Meile beträgt.
Der Weg, welcher von der Stadt Santa -Fe nach dem
Salto des Tequendama führt, geht durch das Dorf Suacha
und die grofse Pächterei Canoas, welche durch ihre schö-
nen Weizen- Erndten bekannt ist. Man glaubt, dafs die un-
geheure Dunstmasse, die sich täglich aus der Kaskade er-
hebt, und durch den Kontakt der kalten Luft wieder nieder-
— 30 —
gestürzt wird, viel zur grofsen Fruchtbarkeit dieses Theils des
Plateau von Bogota beiträgt. In einer kleinen Entfernung von
Canoas, auf der Höhe von Chipa, geniefst man eine präch-
tige Aussicht, Avelche den Reisenden durch die Kontraste,
die sie darstellt, in Erstaunen setzt. Man hat so eben die
mit Weizen und Gerste bebauten Felder verlassen, sieht
nun, aufser den Aralia*s, der Alstonia theseformis , den
Begonia und dem gelben Fieberrindenbaum, (Cinchona cor-
difolia, Mut ) Eichen, Ulmen und andre Pflanzen um sich
her, deren Wuchs an europaische Vegetation erinnert, und
entdeckt , wie von einer Terrasse herab , so zu sagen . zu
seinen Füfsen, ein Land, wo Palmen, Pisangs und Zucker-
rohr wachsen. Da die Kluft, in welche sich der Rio de Bo-
gota stürzt, an die Ebenen der heifsen Region (jbierra ca-
liente) stÖfst, so haben sich einige Palmen bis an den Fufs
der Kaskade herangemacht. Wegen dieses besondern Üm-
stands sagen die Bewohner von Santa-Fe, der Fall des Te^
quendama sey so hoch, dafs das Wasser in Einem Sprung
aus dem kalten Land (j;erra fria)m das heifse stürze. In-
defs sieht man wohl, dafs eine Hohen- Verschiedenheit von
blos hundert fünf und siebenzig Meters nicht hinlänglich Ist,
um eine fühlbare Veränderung in der Luft-Temperatur her-
vorzubringen. Wirklich bewirkt die Hohe des Bodens den
Kontrast zwischen der Vegetation des Plateau von Canoas
und der in der Kluft nicht; denn wenn der Fels von Te-
quenda'ia, welcher ein Sandstein auf einer Thon-Basis ist,
nicht so schroff abgeschnitten , und das Plateau von Canoas
eben so gut vor Wind und Wetter geschützt wäre, so hät-
ten sich die Palmbäume, welche am Fufs der Kaskade wach-
sen , gewifs schon an den obern Rand des Flufses fortge-
pflanzt. Uebrigens ist diese Vegetation für die Bewohner
des Thals von Bogota um so merkwürdiger, da sie in einem
Clima wohnen, wo der Thermometer sehr oft auf den Ge-
frierpunkt herabsinkt.
- 31 -
Nicht ohne Gefahr ist es mir gelungen, Instrumente in
die Kluft selbst, bis an den Fufs der Kaskade zu bringen.
Auf einem engen Pfade, {Camino de la Culebrd) der nach
der Kluft de la Povasa führt, braucht man drei Stunden
zum Hinuntersteigen. Ünerachtet der Flufs in seinem Sturz
eine Menge Wassers verliert, das sich in Dünste verwan-
delt, so ist der Strom unten dennoch so reifsend, dafs sich
der Beobachter dem Bassin, welches sich der Wasserfall
ausgehöhlt hat, auf hundert und vierzig Meters nicht nähern
kann. Der Grund dieser Schlucht wird nur schwach vom
Tageslicht erleuchtet. Die Einsamkeit des Orts, der Reich-
thum der Vegetation und das schreckliche Geräusch, wel-
ches man vernimmt, macht den Fufs der Kaskade des Te-
quendaraa zu einer der wildesten Gegenden in den Cordil-
leren.
Siebente Kupfertafel.
Pyramide von Cholul a.
Unter den Völkerschwärmen, die vom siebenten bis
zwölften Jahrhundert unsrer Zeitrechnung nach auf dem
mexicanischen Boden ers^chienen sind, zählt man fünfe,
nämlich die Tolteken, die Cicimeken, die Acolhuen, die
Tlascalteken und die Azteken, die, trotz ihrer politischen
Trennungen, die nemliche Sprache und den nemlichen Got-
tesdienst hatten, und pyramidalförmige Gebäude aufführten,
welche sie als TeocallVs , das ist , als Wohnungen ihrer
Götter, ansahen. Diese Gebäude, obschon von sehr ver-
schiedener Gröfse, hatten doch alle einerlei Form; sie wa-
ren Pyramiden von mehreren Absätzen, deren Seiten sich
genau nach der Mittags- und der Parallel - Linie des Orts
richteten. Der Teocalli erhob sich mitten auf einem vier-
eckigten , mit einer Mauer eingefafsten , Raum , der mit
dem Peripolos der Griechen verglichen werden kann, und
Gärten, Springbronnen, die Wohnungen der Priester, und
manchmal auch Waffen - Magazine einschlofs ; indem jeder
mexicanische Gottertempel ein fester Ort war, wie der des
Baal Berith , welcher von Abimelech verbrannt wurde. Eine
grofse Treppe führte auf den Gipfel der abgestumpften Py-
ramide. Oben auf dieser Platt -Form standen eine, oder
zwei thurmartige Kapellen, in denen man die kolossalen
Bildsäulen der Gottheit, welcher der Teocalli gewidmet
war, aufgestellt hatte. Diesen Theil des Gebäudes mufg
man als den wesentlichsten ansehen ; es ist der Naos, oder
vielmehr der Secos der griechischen Tempel. Hier war es
auch, wo die Priester das heilige Feuer unterhielten. We-
gen der besondern Form des Gebäudes konnte der opfernde
Priester von einer grofsen Menge Menschen zugle ch gesehen,
und die Procession der Teopixqui, die die Tieppen auf
oder niederstiegen , von weitem wahrgenommen werden»
Das Innere des Gebäudes diente zum Begräbnifsort der Kö*
nige und der angesehensten Mexicaner. Unmöglich kann
man die Beschreibungen Herodots und Diodors von Sicilien
von dem Tempel des Jupiter Belus lesen , ohne die Aehn*
lichkeit dieses babylonischen Monuments mit den Teocalli's
von Anahuac auffallend zu linden.
Als im Jahr 1190 die Mexicaner oder Azteken, einer
von den sieben Stämmen der Anahuatlacs (Üferbewohner)
in der Aequinoktial-Gegend Neu-Spaniens ankamen, fanden
sie daselbst schon die pyramidalförmigen Monumente von
Teotihuacan y von Cholula oder Cholollan und von Pa*
pantla. Sie schrieben diese grofse Bauten der mächtigen^
und civilisirten Nation der Tolteken zu, welche fünfhun-,
dert Jahre früher Mexico bewohnte, sich der Hieroglyphen-,
Schrift bediente, und ein viel genaueres Jahr und eine weit,
richtigere Chronologie hatte, als die meisten Vt3lkcr der
alten Welt. Die Azteken selbst wufsten nicht, welcher,
Stamm das Land von Anahuac vor den Tolteken inne ge-»
habt.
~ 33 -
hal^t, und legten daher den Tempeln von Teotihuacan und
Cholollan ein hohes Alter bei, da sie sie für ein Werk der
Tolteken hielten. Es wäre indefs möglich, dafs sie schon
vor der Ankunft der letztern, d. h. vor dem Jahr Ö48 unsrer
Zeitrechnung, erbaut worden waren. Uebrigens dürfen wir
Uns nicht wundern, dafs die Geschichte keines americani-
schen Volks vor dem siebenten Jahrhundert beginnt, und
dafs die der Tolteken eben so ungewifs ist, als jene der Pe-
lasger und der Ausonier. Hat doch ein tiefForschender Ge-
lehrte, Herr Schlözer, bis zur Evidenz bewiesen, dafs die
Geschichte des Nordens von Europa nicht höher, als bis
ins zehnte Jahrhundert, hinaufreicht, um welche Zeit der
tnexicanische Plateau bereits eine weit höhere Civilisation
darstellte, als Dannemark, Schweden und Rufsland.
Der, dem grofsen Geist Tezcatlipoca und dem Kriegs-
gott, Huitzilopochtli, geweihte, Teocalli zu Mexico wur-
de von den Azteken , nach dem Muster der Pyramiden von'
Teotihuacan, erbaut, und zw*gr nur sechs Jahre vor der'
Entdeckung America's durch Christoph Columb* Diese ab-
gestumpfte Pyramide, welche Cortes den Haupttempel nennt,'
hatte, an ihrer Base eine Breite von 97 Meters, und eine
Höhe von ungefähr 54 M. Man darf sich gar nicht wundefB',''
dafs ein Gebäude von solchem Umfang wenige Jahre schon
nach der Belagerung von Mexico zerstört war. Sieht man
in Egypten doch kaum noch einige Ueberbleibsel von den
ungeheuren Pyramiden , welche sich aus der Mitte des Sees
Moeris erhoben, und nach Herodots Zeugnifs niit kolossalen
Bildsäulen geziert waren. Eben so sind auch die Pyramiden'
des Porsenna, deren Beschreibung etwas fabelhaft klingt,
und unter welchen viere, wie Varro meldet, über 80 Meters
Höhe hatten, in Etrurien verschwunden. {Plin. XXXV L 19,)
Rifsen indefs die europäischen Ei'oberer auch gleich die
Teocalli's der Azteken nieder j so gelang es ihnen doch
nicht, ältere Monumente j Welche man der toltekischen Na-
Humholdt'spitt. Ani,d> Cordilli ^
— 34 -
tion zuschreibt, auf gleiche Weise zu zerstören. Wir wol-
len nun eine kurze Beschreibung von diesen, wegen ihrer
Form und Gröfse gleich merkwürdigen, Monumenten geben.
Die Pyramiden-Gruppe von 2'eotlhuacan steht in dem
Thai von Mexico, in einer Entfernung von acht Meilen
nord-östlich von der Hauptstadt, und zwar auf einer Ebene,
welche Micoa/:/ , (die Strafse der Todten,) genannt wird.
Man sieht daselbst noch jetzt zwei grolse, der Sonne (Tb-
natluK) und dem Monde (Meztli) geweihte, Pyramiden,
die von mehreren hunderten kleiner Pyramiden umgeben
sind , welche genau von Norden nach Süden und von Osten
nach Westen laufende Strafsen bilden. Von den beiden grofsen
"J^eocallV s h&t der eine 55, und der andre 44 Meters senk-
rechter Höhe. Die Basis des erstem ist 208 Meters lang,
woraus sich,, den, im Jahr 1803 von Herrn Oteyza angestell-
ten, Messungen zufolge, ergiebt, dafs der Tonatiuh Yzta-
qual höher ist, als der Mycerinus, oder die dritte von den
drei grofsen Pyramiden zu Ghize, und dafs die Länge ihrer
Basis der des Cephren ungefähr gleichkommt. Die kleinen
Pypmiden, welche die grofsen Häuser der Sonne und des
Monds umgeben, sind kaum 9 bis 10 Meters hoch, und dien-
ten , nach der Sage der Eingebornen , zu Begrab« ifsplätzen
für die Häupter der Stämme. Auch um den Cheops und
den.JVlycerinus her in Egypten unterscheidet man acht klei-
ne, mit vieler Symmetrie aufgestellte, und mit den grofsen
parallellaufende, Pyramiden. Die beiden TeocallVs von
Teotihuacan hatten vier Haupt-Absätze, von denen jeder
\yieder in kleine Stufen, deren Kanten noch bemerkbar
sind, abgetheilt war. Ihr Kern be&teht aus Thon , mit
kleine.! Steinen vermischt, und ist mit einer dicken Mauer
Yoa, T(?zo«it/i,'0<ler porösem Mandelstein, bekleidet. Die-
se Bauart erinert an eine der egyptischen Pyramiden zu
Sakhara, welche sechs Absätze hat, und nach Pocoke's Be-
schreibung (S. Reise ^ in der Neuchateller Ausgabe ^
- 35 —
1752. B. I. S. 147.) eine, von aufsen mit rohen Steinen be-
kleidete, Masse von Kieseln und gelbenti Mörtel ist, Obeu
auf den mexicanischen TeocalLi's standen zwo kolossale
Statuen der Sonne und des Monds, von Stein und mit Gold-
platten überzogen, welche von Cortes Soldaten weggenom-
men wurden. Als der Bischof Zumarngaj Vom Franciscaner-
Orden, alles zu zerstören unternahm, was auf den Gottes-
dienst, die Geschichte und die Alterthumer der Eingebor-
nen von America Bezug hatte, liefs er auch die Idole auf
der Ebene von Micoatl zertrümmern. Noch sieht man da-
selbst die Reste einer Treppe von grofsen gehauenen Stei-
nen, welche vor Alters auf die Plattform des TeocallVs
geführt hatte.
Oestlich von der Pyfätnideh^ Gruppe von Teötihuacan,
"wenti man die Cordillera, gegen den Golf von Mexico zu,
herabsteigt, erhebt sich In einem dichten Wäldö j Tajin ge-
nannt, die Pyramide von Papäntla. Der Zufall liefs sie erst
vor nicht völlig dreifsig Jahren durch spänische JUger ent-
decken; denn die Indianer suchen den Weifsen alle Gegen-
stände alter Verehrung Zu vefbergeii. Die Fof m dieses Teo-
callVs, welcher sechs, ja Vielleicht sieben Stockwerke ge-
habt hat, ist schnellei* äufschiefsend , als an allen übrigen
Monumenten dieser Gattung. Seine Höhe beträgt üngef hr
18 Meters, und seine Basenlänge nur 25 M*; et* Ist folglich
um die Hälfte niedriger, als die Pyramide des Cajas Cestius
Äu Rom, welche 33 M* hoch ist. Dieses kleine Gebäude ist
ganz von aiifserordentlich grofsen , behauenen Steinen auf-
geführtj welche sehr schon und regelmäfsig gearbeitet sind*
Auf seine Spitze führen drei Treppen* Die Bekleidung der
Absätze ist mit hieroglyphischen Bildhauer- Arbeiten ^ und
vielen, sehr symmetriscn veftheilteri^ kleinen Nischen ge-
ziert, deren Zahl auf die 378 einfachen und zusammenge-
setzten Zeichen der Tage des Compohualilhüitl , oder des
gemeinen Kalenders der Tolteken, anzuspielen scheint.
- 36 -
Das gröste, das älteste und berühmteste unter allen py-
ramidaltschen Monumenten von Anahuac ist der Teocalli
von Cholula. IVIan nennt ihn heutzutag den, von Menschen-
händen gemachten^ Berg (^monte hecho amano), und
Von weitem könnte man ihn auch wirklich für einen, mit
Vegetation bedeckten, natürlichen Hügel halten. Auf der
siebenten Platte ist diese Pyramide in ihrem gegenwärtigen
Verfall vorgestellt.
Die grofse Ebene von Puebla ist durch die vulcanische
Bergkette, welche sich von dem Popocatepetl bis gegen den
Rio Frio und den Pic von Telapon hin erstreckt, von dem
Thal von Mexico getrennt. (S. meinen mexicanischen At-
las^ PI. IlL und IX.) Diese fruchtbare, aber baumlose
Ebene ist reich an interessanten Gegenständen für die mexi-
canische Geschichte. Sie umfafst die Hauptorte der drei
Republiken von Tlascala, Huexotingo und Cholula, wel-
che, unerachtet ihrer unaufhörlichen Zwistigkeiten , den-
noch dem Despotismus und üsurpationsgeist der aztekischen
Könige widerstanden haben.
Heutzutag zählt die kleine Stadt Cholula, die von Cor-
tes in seinen Briefen an den Kaiser Karl V. mit den volk-
reichsten Städten Spaniens verglichen wird , kaum noch
16,000 Einwohner. Die Pyramide steht östlich von der
Stadt, auf der Strafse nach Puebla. Die Westseite, welche
unser Kupferstich darstellt, ist sehr gut erhalten. Die Ebe-
ne von Cholula zeigt den nemlichen Karakter von Nacktheit,
welcher allen, 2200 Meters über die Meeresfläche erhabenen,
Plateau's eigen ist. Auf dem Vordergrund unterscheidet
man einige Agaven - Stämme und Drachenbäume. In der
Ferne entdeckt man die Spitze des, mit Schnee bedeckten,
Vulcans von Orizaba , eines kolossalen Bergs von 5*295 Me-
ters absoluter Höhe, von welchem ich eine Zeichnung in
dem mexicanischen Atlas, PJ. XVII. bekannt gemacht
habe.
— 37 —
Der Teocalli von Cholula besteht aus vier, gleich ho-
hen, Absätzen, und scheint genau nach den vier Himmels-
Gegenden gestellt gewesen zu seyn. Da aber die Kanten
an den Absätzen nicht mehr genau ausgedrückt sind , so ist
jhre ursprüngliche Richtung schwer zu erkennen. Dieses
pyramidalische Monument hat eine weit ausgedehntere Ba-
sis, als irgend ein, in der alten Welt entdecktes, Gebäude
dieser Art. Ich habe es mit Sorgfalt gemessen, und mich
überzeugt, dafs seine perpendikulare Höhe nur 4^ Meters
hat, jede Seite der Basis hingegen 439 M. lang ist. Tor-
quemada giebt ihm 77 Meters Höhe; ßetancourt 65, und
und Clavigero 61 M. Bernal Diaz del Castillo, ein gemei-
ner Soldat bei Cortes Zuge, zählte zum Zeitvertreib die
Treppenstufen, welche auf die Platt-Formen der Teocalli' s
führten, und fand bei dem grofsen Tempel zu Tenochtitlan
J14, bei dem zu Tezcuco 117, und bei der Pyramide von
Cholula 120. Die Basis der letztern ist zweimal gröfser,
als an der des Cheops; ihre Höhe übersteigt aber die der
Pyramide des Mycerinus nur um Weniges. Vergleicht nan
die Dimensionen des Sonnenhauses zu Teotihuacan und der
Pyramide von Cholula mit einander, so sieht man, dafs das»
Volk, welches diese merkwürdige Monumente erbaute, die
Absicht hatte, ihnen einerlei Höhe, aber eine Langen- Basis
zu ^t-ben, die sich wie i zu a verhalten sollte. Das Ver-
hältnifs zwischen der Basis und der Höhe ist dagegen bei den
verschiedenen Monumenten sehr abweichend. Bei den drei
grofsen Pyramiden von Ghize verhält sich erstere zu der
letztern wie i zu 1 y^; bei der mit Hieroglyphen bedeckten
Pyramide von Papantla wie i zu j^; bei der grofsen Pyramide
von Teotihuacan wie i zu 3 j^ und bei der zu Cholula wie ^
zu 7 Y%' Letzteres Monument ist von ungebrannten Ziegel-
steinen (Xamilli)^ welche mit Thonlagen abwechseln, aufge •
führt. Die Indianer von Cholula haben mich versichert, dafs
das Innere der Pyramide hohl sey, und dafs ihre Vorlahren
- 38 -
bei dem Aufenthalt des Cortes in der Stadt eine grofse Men-
ge Krieger caiin versteckt hätten, um die Spanier unverse-
hens zu überfallen. Die Materialien aber, aus denen dieser
Teocalli besteht, und das Stilleschvveigen der Geschicht-
schreiber jenes Zeitalters machen diese Erzählung ziemlich
unwahrscheinlich, ( Carlas de Hernan Cortes ; Mexico,
1770. S. 69.)
Es läfst sich jedoch nicht in Zweifel ziehen, dafs in
dieser Pyramide, wie in andern ToecallVs^ grofse Höh-
lungen gewesen sind, die zu Begriibnissen der Eingebornen
gedient haben, Ihre Entdeckung wurde durch einen beson-
dern umstand veranlafst. Vor sieben oder acht Jahren hat
man die Strafse von Puebla nach Mexico, welche vorher auf
der Nordseite der Pyramide vorbeilief, verändert. Um die-
sem Weg eine gerade Richtung zu geben, wurde der erste
Absatz durchgeschnitten, so dafs nur noch ein Achttheil da-
von isoliert, wie ein Haufen 2,iegel, stehen blieb, Bei die-
ser Arbeit nun entdeckte man ein viereckigtes Haus , das
von Steinen erbaut, und mit Balken von Cupressus disticha
unterstützt war. Es enthielt zween Todcenkürper, Idole
von Basalt und viele gefirnifste, künstlich gemahite, Gefäs-
se. Man nahm sich gar nicht die Mühe, diese Gegenstände
aufzubewahren, will sich aber sorgfältig davon überzeugt
haben, dafs dieses, mit 2^iegeln und Thonschichten bf-v?ck-
te, Haus ohne Ausgang gewesen sey. Nimmt man aln , die
Pyramide sey nicht von den ersten Einwohnern von Cholu-
la, sondern durch Gefangene aus den benachbarten Völkern
erbaut worden, so könnte man glauben, dafs diese Leich-
name die Reste einiger unglücklicher Sklaven gewesen, wel-
che man vorsätzlich in dem Innern des TeocallVs habe um-
kommen lassen. Wir haben die Ueberbleibsel dieses unter-
irdischen Hauses untersucht, und eine besondere Anordnung
der Ziegel bemerkt, welche die Verminderung des Drucks,
den das Dach leiden mufste, bezweckte. Weil die Ein wob-
- 39 --
ner keine Gewölbe zu machen verstanden , so legten sie
sehr breite Ziegel horizontal aufeinander, so dafs die obern
über die untern hervortraten. Hieraus entsand eine stufen-
weise Zusammensetzung, welche einigermafsen den gothi-
schen Bogen ersetzte, von dem man auch in verschiedenen
egyptischen Gebäuden Spuren gefunden hat. Es wäre merk-
würdig, eine Gallerie durch den Teocalli von Cholula zu
brechen, um seine innere Zusammensetzung zu untersuchen,
und es ist auch wirklich zum Erstaunen, dafs die Lust nach
verborgenen Schätzen nicht bereits dieses Unternehmen ver-
anlafst ha^ Als ich auf meiner peruanischen Reise die weit-
läuftigen Ruinen der Stadt desChimü, in der Nähe von Man-
siche, besuchte, gieng ich in das Innere der Huaca de
Toledo^ des Grabmahls eines peruanischen Prinzen, in
welchem Garci Gutierez von Toledo im Jahr 1576, mittelst
eines Schachtes, für mehr denn fünf Millionen Franken an
massivem Gold entdeckte, wie solches durch die Rechnungs-
bücher bewiesen ist, die in den Archiven von Truxillo auf-
bewahri" werden.
Der grofse Teocalli von Cholula , welcher auch der
Berg von ungebrannten Ziegeln (Tlalchihualtepec) heifst,
hatte auf seinem Gipfel einen dem Quetzalcoatl, dem Gott
der Luft, gewidmeten Altar. Dieser Quetzalcoatl (dessen
Namen eine, mit grünen Federn bekleidete, Schlange be-
deutet, von coatl Schlange, und quetzalll^ grüne Feder)
ist ohne Zweifel das^ geheimnifsvollste Wesen in der ganzen
mexicanischen Mythologie. Er wird als ein weifser, bär-
tiger Mann geschildert, wie der Bochica der Muyscas, von
dem wir weiter oben , bei der Beschreibung vom Wasserfall
des Tequendama, gesprochen haben; war Ober-Priester zu
Tula (Tollan) ^ Gesetzgeber und Haupt einer religiösen
Sekte, welche sich, gleich den Sonnyasis und den Budd-
histen von Indostan, die grausamsten Bufsübungen auflegte.
Er führte den Gebrauch ein , sich Lippen und Ohren zu
— 40 — '
durchstechen, und die übrigen Körpertheile mit den spitzi-
gen Blättern der Agave oder mit den Stacheln des Cactus
zu verwunden , wobei Schilfrohren in die Wunde gesteckt
wurden, damit man das Blut desto besser herabrieseln sah.
In der vaticaniscben Bibliothek habe ich auf einer Zeichnung
(^Codex anonymusy nro^ 3»738. Fol. 8) eine Figur gesehn,
welche den Quetzalcoatl vorstellt, wie er durch seine Bufs-
üebung den Zorn der Götter besänftiget, als 1^,060 Jahre
nach Erschaffung der Welt, (ich folge der, sehr schwanken-
den» Chronologie des Paters Rios.) eine grofse Hungers-
noth in der Provinz Culan herrschte. Der Heilige hatte sich
auf dem Vulcan Calcitepetl (^der redende Berg} bei Tlaxa-
puchicalco zurückgezogen, wo er mit blofsen Füisen auf
den stachlichten Blättern der Agave einhergieng. Man glaubt
einen von jenen Rishi, Eremiten am Ganges, zu sehen,
deren fromme Strenge die Puranas erhc^ben. (^Schlegel über
Sprache und Weisheit der Indier, S. 13^.)
Die Regierung des Quetzalcoatl war das goldene Zeit-
alter der Völkerschaften von Anahuac. Damals lebten alle
Thiere und selbst die Menschen im Frieden, die Erde brach-
te die reichsten Erndten von selbst hervor , und eine Menge
Vögel, welche wegen ihres Gesangs und der Schönheit ih-
res Gefieders bewundert wurden, erfüllten die Luft. Aber
diese, der Saturnischen ahnliche, Regierung und das Glück
der Welt waren nicht von langer Dauer. Der grofse Geist
Tezcatlipoca, der Brohma der Völker von Anahuac, gab
dem Quetzalcoatl einen Trank, der ihn unsterblich machte,
ihm aber auch zugleich den Geschmack am Reisen, und be-
sonders ein unwiderstehliches Verlangen einflöfste, ein ent-
legenes Land, das die Tradition Tlapallan nennt, zu besu-
chen. (jOlavigero y Storia di Messico. T. IL S. 12.) Die
Aehnlichkeit dieses Namens mit dem von Huehuetlapallan,
dem Vaterland der Tolteken , scheint wirklich nicht blos zu-
fällig zu seyn. Wie soll man aber begreifen, dafs dieser
— 41 —
weisse Mensch , und Priester von Tula , sich , wie wir bald
sehen werden, nach Süd-Osten, den Ebenen von Cholula
zu, und von da nach den östlichen Küsten von Mexico ge-
wandt haben, um in das Land zu gelangen, wo seine
Voreltern im Jahr 596 unsrer Zeitrechnung ausgegangen
waren.
Als Quetzalcoatl das Gebiet von Cholula durchzog, gab
er 'den Bitten der Einwohner nach, welche ihm die Regie-
rung anboten. Er blieb zwanzig Jahre bei ihnen, lehrte sie,
Metallen schmelzen, setzte die grofsen Fasten von 80 Tagen
ein , und ordnete die Intercalationen des Toltekischen Jahrs.
Er ermahnte die Menschen zum Frieden , und Hefs der
Gottheit keine andre Gaben darbringen, als die Erstlinge
der Erndten, Von Cholula gieng Quetzalcoatl an die Mündung
des Flufses Goasacoalco, wo er verschwand, nachdem er ' ' «^1
den Cholulanern (jChololtecatles) hatte verkündigen lassen, . '
dafs er in einiger Zeit wieder zurückkehren werde, um sie !
aufs neue zu regieren , und ihr Glück zu erneuen*
Der urlglückliche Montezuma glaubte in den Waffenbrü- . j
dern des Cortes die Nachkommen jenes Heiligen zu sehen. !
„Wir wissen aus unsern Büchern ,** fagte er in seiner ersten
Unterredung mit dem spanischen General, „dafs wir, ich, r j
„und alle, die dieses Land bewohnen , hier nicht unsern Ur- ^ !
,, Sprung haben, sondern als Fremde sehr weit hergekommen 1 j
„sind. Wir wissen auch , dafs der Anführer unsrer Vorel- ' "
„tern auf eine Zeitlang in sein erstes Vaterland zurückge- '
„gangen, und wiedergekommen ist, um die, welche sich
„hier niedergelassen hatten , zu besuchen. Er fand sie mit
„den Weibern dieses Landes verhelrathet, mit einer zahl- v ';
„reichen Nachkommenschaft , und in Städten wohnend , die I
„sie erbaut hatten. Die ünsrigen wollten ihrem alten Herrn
„nicht mehr gehorchen, und so kehrte er allein zurück.
„Wir haben immer geglaubt , dafs seine Nachkommen der- ^
„einst wieder von diesem Land Besitz nehmen würden. Be- i
i
-^ 42 — ■
„denke ich also , dafs ihr daher kommt, wo die Sonne auf-
„geht, und dafs wir euch, wie ihr mich versichert, bekannt
„sind, so kann ich nicht zweifeln, dafs der Könij?, der
„euch gesandt hat, unser natürlicher Herr sei." (^Erster
Brief von Cortes , §. ^XI und ^X^/JC).
Noch heutzutage besteht unter den Indianern von Cho-
lula eine andre, 5ehr merkwürdige, Sage, kraft der die
grofae Pyramide nicht ursprünglich dem Dienst des Quet-
zalcoatl gewiedmet war. Als ich nach meiner Rückkehr in
Europa die mexicanischen Handschriften auf der vatikani-
schen Bibliothek in Rom untersuchte, fand ich diese nem-
liche Tradition bereits in einer Handschrift des Pedro de
los Rios, eines Dominikaner-MÖnchs, angeführt, welcher
im Jahr 1566 alle hieroglypischen Mahlereien , die er sich
verschaffen konnte, abzeichnete. „Vor der grofsen Ueber-
jjschwemmung (^Apachihuiliztli), im Jahr 4008 nach Er-
„schaffung der Welt, war das Land Anahuac von Riesen
„bewohnt. (Tzocuillicxegues^. Alle diejenigen , welche
„nicht umkamen, wurden mit Ausnahme von sieben, die
„sich in Höhlen geflüchtet hatten , in Fische verwandelt. Als
„die Wasser abgelaufen waren, gieng einer von diesen Rie-
„sen, Xelhuaz, genannt der Baumeister, nach Cholollan, wo
„er, zum Andenken an den ßerg Tlaloc, der ihm und sei-
„nen sechs Brüdern zum Zufluchts-Ort gedient hatte, einen
„künstlichen Hügel von pyramidaiischer Form aufführte.
„Die Ziegel dazu lief? er in der Provinz Tlamanalco, am
„Fufse der Sierra vonCocotl, verfertigen, und stellte, um
„sie nach Cholula zu bringen , eine Reihe Menschen
„auf, die sie sich von Hand zu Hand boten. Die Götter
„sahen dieses Gebllude, dessen Spitze die Wolken erreichen
„sollte, mit Unwillen, und schleuderten , aufgebracht über
„Xelhua*s Kühnheit, Feuer auf die Pyramide. V^iele Arbei-
,-,ter kamen um, das Werk wurde nicht fortgesezt, und
— 43 -
„man weihte es in der Folge dem Gott der Luft, Quet:
„zalcoatl.**
Diese Geschichte erinnert an die alten Ueberlieferun-
gen des Orients , welche die Hebräer in ihren heiligen Bü-
chern auf die Nachwelt gebracht haben. Noch jetzt bewah-
ren die Cholulaner einen Stein, der der Angabe nach, in
einer Feuerkugel aus den Wolken auf die Pyramide gefal-
len ist. Dieser Aerolith hat die Gestalt einer Kröte. Um
das hohe Alter dieser Fabel von Xelhua zu beweisen , be-
merkt der Pater Rios, dafs sie in einem Lied enthalten ge-
wesen, welches die Cholulaner bei ihren Festen absangen,
während sie um den Teocalli tanzten, und dafs dieses Lied
mit den Worten : Tulanian hululäez , die in keiner der
gegenwärtigen mexicanischen Sprachen vorkommen , begon-
nen habe, üeberall auf dem Erdboden, auf dem Rücken der
Cordilleren, wie auf der Insel Samothracien auf dem Ae-
geischen Meere, haben sich Bruchstücke der ür-Sprachen
in den religiösen Gebräuchen erhalten.
Die Plattform der Pyramide von Cholula , auf welcher
ich sehr viele astronomische Beobachtungen angestellt habe,
hält 4, .00 Quadrat -Meters Umfang. Man geniefst daselbst
eine prächtige Aussicht auf den Popoca^epetl , den Iztacci-
huatl, den Pic von Orizaba, und die Sierra von Tlascalla,
welche durch die Gewitter berühmt ist, die sich um ihre
Spitze sammeln. Man sieht zu gleicher Zeit drei Berge,
die höher, als der Montblanc, und von denen zween bren-
nende Vulkane sind. Eine kleine , mit Cypressen umge-
bene, der heiligen Jungfrau de los Remedios geweihte, Ka-
pelle hat den Tempel des Gotts der Luft ersetzt, und ein
Geistlicher von indianischem Stamme liest täglich die Messe
auf dem Gipfel dieses alten Monuments,
Zu Cortes Zeiten wurde Cholula für eine heilige Stadt
gehalten. Niergends fand man eine gröfsere Anzahl von
Teocalli'sy nirgends mehr Piiester und religiöse Orden,
— 44 —
(Tlamacazque) nirgends einen prächtigem Gottesdienst
und gröfsere Strenge in den Fasten und Bufsübungen. Noch
jetzt hat die Einführung des Christenthums durch alle Sym-
bole des neuen Cultus das Andenken an den alten nicht ganz
unter den Indianern zu vertilgen vermocht. Das Volk kommt
haufenweise , und von weitem her auf den Gipfel der Pyra-
mide, um daselbst das Fest der heiligen Jungfrau zu begehen.
Ein heimlicher -Schauder, eine religiöse Ehrfurcht ergreift
den Eingebornen beim Anblick dieser ungeheuren , mit
Gesträuchen und immer frischen Rasen bedeckten Mafse.
Wir haben weiter oben die grofseAehnlichkeit zwischen
der Bau- Art dermexicanischen TcocallVs und der vom Tem-
pel des Bers oder Belus zu Babylon bemerkt. Sie fiel
schon dem Herrn Zoega auf, ob er sich gleich keine andre,
als nur sehr unvollständige Beschreibungen der Pyramiden-
Gruppe Teotibuacan verschaffen konnte. (i}e Obeliscis ,
S. 380). Nach Herodot , welcher Babylon besuchte, und
den Tempel des Belus sah, hatte dieses pyramidalische Mo-
nument acht Absätze. Seine Höhe betrug ein Stadium, und
die Breite des Basis kam der Höhe gleich. Die Mauer, wel-
che den äufsern Raum bildete , (nt^ifiokoi) hatte zwei Sta-
dien ins Gevierte. (Ein gemeines, olympisches Stadium
betrug 183 Meters; das egyptische aber nur 98 M,) (Vincent
Voyage de Nearque^ 5,56.) Die Pyramide war von Zie-
geln und Asphalt erbaut, und hatte einen Tempel (Naos)
auf ihrer Spitze, und einen andern an ihrer Base. Der er-
stere enthielt, nach Herodot, keine Statuen, sondern nur
eine goldene Tafel und ein Bette, auf welchem eine, von
dem Gott Belus ausgewählte, Frau ruhte, (Herodot. B.
/. K, CLXXXI — CLXXXIIJ.) Dagegen versichert
Diodor von Sicilien, dafs in dem obern Tempel ein Altar
und drei Statuen gestanden haben, denen er, nach. griechi-
schen Religionsbegriffen, die Namen des Jupiters, der Juno
und der Rhea beilegt. (^Diodorus Siculus , edit, Wesse-
- 45 -
lingiana , B. /. lih, II, S, 123.) Allein diese Bildsäulen
und das ganze Monument überhaupt waren zu Diodors und
Strabo's Zeiten nicht mehr vorhanden. Auch in den mexi-
kanischen Teocalli*s unterschied man , wie in dem Tempel
des Bei, das untere Naos von demjenigen, welches sich auf
der Platform der Pyramide befand. Diese Unterscheidung ist
in Cortes Briefen, so wie in der Geschichte der Eroberung
durch Bernal Diaz, deutlich angegeben, welcher mehrere
Monate lang in dem Pallaste des Königs Axajacatl, folglich
dem Teocalli des Huitzilopochtli gegenüber, gewohnt hat.
Keiner von den alten Schriftstellern, weder Herodot
noch Strabo {Buch, X/^/, sir'i , noch Diodor, noch Pau-
sanias (B. VIII, edit ^yland. S. 509), noch Arrian
{Buch VII ^ 17.) t noch Quintus Curtius (B- V, 1 und 37.),
herichten, dafs der Tempel des Belus, wie die egyptischen
und mexicanischen Pyramiden, nach den vier Weltgegenden
gerichtet gewesen sei. Nur PHnius bemerkt, dafs Belus
für den Erfinder der Astronomie gehalten werde : inventor
hicfuit sideralis scientiae (B. VI. 30.), und Diodor sagt,
dais der babylonische Tempel den Chaldäern zur Sternwarte
gedient habe. „Man stimmt darin überein , drückt er sich
„aus, dafs dieses Gebäude von einer aufserordenr liehen Höhe
„gewesen , ui d dafs die Chaldäer auf demselben ihre Beob-
„achrungen der Gestirne angesellt haben, weil ihr Auf-und
„Nieder Gang wegen seiner Höhe sehr genau gesehen wer-
„den konnte.** Auch die mexikaniscken Priester {Teopix-
gui) beobachteten oben auf ihren Teocalli's den Stand der
Gestirne, und zeigten dem Volk, mittelst eines Horns, die
Stunden der Nacht an. {Gama, descripcion cronologica
de la piedra calendaria. Mexico 17^2. S. 15). Diese
Teocalli's wurden in dem Zeitraum zwischen Mohameds
Epoche und der Regierung Ferdinands und Isabellens aufge-
führt , und man sieht nicht ohne Erstaunen , dafs americani-
sche Gebäude, welche eine fast identische Form mit den
- 46 -
'ältesten Monumenten am Eaphrat haben , einer uns so na-
hen Zeit angehören.
Betrachtet man die pyramidenförmigen Denkmale in
Egypten, in Asien und der neuen Welt, aus Einem Ge-
sichtspunkt, so sieht man, dafs sie, trotz der üebereinstim-
mung ihrer Form, eine sehr verschiedene Bestimmung hat-
ten. Die Pyramiden-Gruppen zu Ghize und zu Sakhara in
Egypten; die dreieckigte Pyramide der Königin der Scy-
then, Zarina, welche Ein Stadium hoch, drei breit, und
mit einer kolossalen Figur geziert gewesen war (Diodor,
Sicul. B. II. K, X'X'X/^.) ; die vierzehn etrurische Py-
ramiden , die in dem Labyrinth des Königs Porsenna, zu
Clusium, eingeschlossen gewesen seyn sollen — alle diese
Monumente waren zu Begräbnifsplätzen erlauchter Personett
erbaut worden. Nichts ist ja dem Menschen natürlicher, als
die Stelle zu bezeichnen, wo die Reste von denen ruhen ^
deren Andenken ihm theuer ist. Anfangs sind es einfache Erd-
haufen ; in der Folge werden es Tumulus von staunenerre-
gender Höhe. Die der Chinesen und Thibetaner sind nur
einige Meters hoch {Duhalde , Description de la Chine^
B, II, 6". 126, Asiatick Researches , B. tl, S, 3 14.).
Mehr nach Westen steigen die Dimensionen bereits. Der
Tumulus von Crösus Vater, des Königs Alyattes in Lydiefli
hatte sechs Stadien, und der von Ninus über 2ehn Stadien im
Durchmesser {Herodot. L, I. K. K^CIII. Ctesias beim
Biod. Sic. B. II. K. VII^, Im nördlichen Europa finden
wir die Gräber des scandinavischen Königs Gormus und der
Königin Daneboda mit Erdhügeln bedeckt, welche 300 Me-
ters breit und über 30 Meters hoch wären. Dergleichen Tu-
Tfiulus finden sich auf beiden Halbkugeln, in Virginieti
und in Canada, wie in Peru, wo zahlreiche Gallerien vOri
Stein erbaut, und unter sich durch Gesenke in Verbindung
stehend, das Innere der HuacaSj oder künstlichen Htigel,
einnehmen« Der asiatische Luxus behielt die ursprüngliche
- 47 -
Form dieser rohen Monumente bei, verstand sie aber zu
verschönern. Die Gräber von Pergamus sind Kegel von
Erde auf einer zirkeiförmigen Mauer, die mit Marmor be-
deckt zu seyn scheint (J2hoiseul Gouffier^ Voyage pit-
toresque de la Grece^ B. II, S, 27 — 31.).
Die mexicanischen Teocalli*s waren zugleich Tempel
und Gräber, und wir haben oben angeführt, dafs die Ebene,
auf welcher sich die Häuser der Sonne und des Monds von
Teotihuacan erheben, die Strafse der Todten genannt
wurde. Der wesentlichste und wichtigste Theil eines Teo-
calli*s war jedoch die Kapelle, der Naos ^ auf der Spitze
des Gebäudes. Beim Beginnen der Civilisation wählen sich
die Völker erhabene Orte, um ihren Göttern zu opfern,
und die ersten Altäre und Tempel wurden auf Bergen er-
richtet. Stehen diese Berge frei da, so giebt man ihnen
gerne regelmäfsige Formen, behaut sie in Absätze, und
bringt Stufen an, um ihren Gipfel leichter zu besteigen.
Beide Continente liefern eine Menge Beispiele von derglei-
chen, in Terrassen abgetheilten, und mit Mauern von Ziegeln
oder Stein bekleideten. Hügeln* Auch die Teocalli's scheinen
mir nicht anders zu seyn, als mitten auf einer Ebene auf-
geführte künstliche Hügel, die den Ahären zur Basis dienen
sollten. Wirklich giebt es auch nichts imposanteres, al« ein
Opfer, das von dem ganzen Volk zugleich gesehen werden
kann I — Ich mufs hier bemerken , dafs die indosta naschen
Pagoden mit den mexicanischen Tempeln gar nichts gemein
haben. Die von Tanjore, von der wir dem Herrn Daniell
{Oriental Scenery» Kupft. XVII.) prächtige Zeichnungen
verdanken, ist ein Thurm von mehrern Absätzen; allein
der Altar befindet sich nicht auf der Spitze des Gebäudes.
Die Pyramide des Bei war zugleich der Tempel und
das Grab dieses Gottes. Strabo redet nicht einmal davon,
als von -einem Tempel , sondern nennt sie geradezu das
Grabmahl des Belus* Der Tumulus (;^«^«) in Arcadieo,
- 48 -
welcher die Asche der Callisto einschlofs, trug auf seiner
Spitze einen Tempel der Diana, und Pausanias (ß. VlII.
K. XXXV.) beschreibt ihn als einen, von Menschenhändeii
gemachten , mit aller Vegetation bedeckten , Kegel. Da ha^
ben wir also ein sehr merkwürdiges Monument, bei dem der
Tempel blos eine zufällige Verzierung ist, und es kann
gleichsam zum Uebergang von den Pyramiden von Sakhara
zu den mexican Ischen Teocalli's dienen.
{Siehe meinen politischen Versuch über das König»
reich Neu-Spanien^ an verschiedenen Stellen,)
Achte Kupfertafel.
Abgesonderte Masse von der Pyramide von
-> / ; . Cholula,
Das Monument von Cholula ist dergestalt mit Vegeta*
tion bedeckt, dafs es sehr schwer wird, die Bauart der
grofsen Absätze zu untersuchen. Die spanischen Gescbicht-
schreiber des 16*^^" Jahrhunderts, deren mehrere Mexico zur
Zeit des Montezuma, oder wenige Jahre nach seinem Tod,
besucht haben, berichten zwar, dafs das ganze Gebäude
von Ziegeln erbaut seye. Als ich in der vatikanischen Bi-
bliothek zu Rom die Handschrift des Paters , Pedro de los
Rios {Cod, Fat, anonym, N. 3738. fol. 10.), durchgieng,
fand ich gleichfalls, wie ich weiter oben gemeldet habe,
dafs die Einwohner von Cholula, einer alten Sage zu Folge^
glaubten, die Ziegel, welche man zu den TeocalH gebraucht
habe, seyen in der Provinz Tlalmanalco, am Fufs des Ber-
ges Cocotl, gemacht, und durch Gefangene, welche eine
Verbindungslinie von Cocotl bis Cholula gebildet, von Hand
y- L zu Hand geboten worden. Diese Tradition, welche an das
fabelhafteste in den arabischen Mährchen erinnert, wird
auch bei den Peruanern angetroffen. Die Cuzcoer , die sich
für
— 49 *-
für Bewohner eines heiligen Orts halten, versichern nein«
lieh, der Inca Tupac Yupanqui habe, nachdem er sich des
Königreichs Quito {Puitu)^ bemächtiget, ungeheure Qua-
dern aus den Steinbrüchen in der Nachbarschaft von Cuzco
dahin bringen lassen, um Sonnentempel in dem neuerober-
ten Land zu erbauen.
Ich konnte die innere Bauart der Pyramide von Cholula
an zwey verschiedenen Orten untersuchen; nemlich nah©
beym Gipfel, an der dem Vulkan Popocatepetl zugekehr-
ten Seite, und an der Nordseite, wo der erste Absatz durch
die neue Strafse von Puebla nach Mexico durchschnitten,
und dessen aufserstes Ende von der übrigen Masse abgeson-
dert ist» Die achte Tafel stellt dieses abgesonderte Stück
dar, und man erkennt in demselben abwechselnde Lagen
von Thon und Ziegeln. Letztere haben gewöhnlich g Cen-
timeters Höhe, und 40 Centimeters Lange. Auch schienen
sie mir nicht gebrannt, sondern blos an der Sonne getrock-
net. Indefs könnten sie doch leicht gebrannt und durch die
Feuchtigkeit der Luft wieder locker geworden seyn. Viel-
leicht fehlen die Thonlagen, welche zwischen den Ziegeln
sind, in dem Innern der Pyramide, an den Theilen, welche
das ungeheure Gewicht der ganzen Masse tragen, Heri*
Zoega (^de Obeliscis pag. 380.) hat, aber mit Unrecht, an-
genommen, dafs der Teocalli von Cholula ein wahres Cho*
ma^ ein nur von aufsen mit Ziegeln überzogener, Erdhau-
fen seye, und auch schon Gemelli, welchen Robertson und
andere Geschichtschreiber der ersten Classe weit gröfseref
Unrichtigkeit beschuldigen, als er verdient, bezeichnet die-
ses Gebiiude mit dem Namen einer Pyramide von Erde (Giro
del Mondo. T, VI. pag. 135.).
Die Bauart des Teocalli's erinnert, Wie wir oben be-
merkt haben, an die ältesten Monumente, zu welchen die
Geschichte der Civllisation unserer Gattung hinauf reicht.
Der Tempel des Jupiter Belus, welchen die Mythologie der
Humholdt'spitt.Ans.d.CordilL 4,^
- 50 —
Indus mit dem Namen des Bali zu bezeichnen scheint ( Fra
Paolino de S. Bartolomeo , Viaggio alle Indie orien-
tali, pag. 241.), die Pyramiden von Menschich Dagschur,
und mehrere aus der Gruppe von Sakhara in Egyptei), wa-
ren auch nichts anders, als unermefsliche Ziegelhaufen,
wovon «ich die Ueberbleibsel dreifsig Jahrhunderte hindurch
bis auf unsere Zeit erhalten haben.
Neunte Kupfertafel.
Denkmal von ^ochicalco.
Das merkwürdige Monument, von welchem diese Kup-
fertafel ein, mit Bildhauerei bedecktes, Bruchstück zeigt,
wird in dem Lande selbst für ein militairisches Monument
gehalten. Südöstlich von der Stadt Cuernavacca (dem ehe-
maligen Quauhnahuac, auf dem westlichen Abhang der Cor-
dillera von Anahuac, in jener glücklichen Kegion ^ welche
de Bewohner mit dem Namen tierra templade (gemUfsigte
Region) bezeichnen , weil daselbst ein ewiger Frühling
herrscht, erhebt sich ein isolirter Hügel, der nach den ba-
rometrischen Messungen des Herrn Alzate 117 Meters Höhe
über seiner Base hat. Dieser Hügel liegt der Strafse, \on
Cuernavacca nach dem Dorf Miacatlan , westlich. Die In-
dianer nennen ihn in der mexicanischen oder aztekischen
Sprache ICochicalco oder das Haus der Blumen. Wir
werden in Verfolg dieser Nachrichten finden, dafs die Ety-
mologie dieses Namens eben so ungewifs ist, als die Zeit
der Erbauung dieses Monuments, welches man denTolteken
zuschreibt. Diese Nation ist für die mexicanischen Alter-
tbumsforscher eben das, was die Pelasgischen Colonisten
lange für die italienischen gewesen sind. Alles was sich
in das Dunkel der Zeiten verliert, wird als Werk eines
Volks angesehen, bei dem man die ersten Keime der Civi-
lisation zu finden glaubt.
, _: , — 51 —
Der Hügel von Xochicalco ist ein^ Masse von Felsen,
welcher die Hand des Menschen eine sehr regelmafstge ko-
nische Form gegeben hat, und die in fünf, tnit Mauerwerk
bedeckte, Absätze oder Terassen abgetheilt ist. Diese Ab-
sätze haben ungefähr 20 Meters senkrechter Höhe. Sie wer-
den gegen den Gipfel zu schmäler, wie an den Teocalli's
oder aztekischen Pyrahfiideh, welche oben mit einem Altar
geziert waren; Alle Terrassen sind gegen Südwest abhän-
gig, vielleicht um das Ablaufen des Wassers zu erleichtern,
weil in dieser Gegend häufig Regen fällt. Der Hügel ist mit
einem ziemlich tiefen, und sehr breiten Graben umgeben,
so dafs die ganze Verschanzung über 4000 Meters Umfang
hat. üebrigens darf man sich über die Gröfse dieser Dimen-
sionen nicht wundern; dehn Hr. Bonpland ühd ich, wir ha-
ben auf dem Kücken der Cordilleren von Peru, und auf ei-
ner Hühe^ welche der des Piks von Teneriffa beinahe gleich
kommt 5 hoch weit ansehnlichere Monumente gefunden.
Auch auf den Ebenen von Canada befinden sich Vertheidi*
gungslinien und Verschanzungen von äufserördentlichfer
Länge. Alle diese americänischeh Werke gleichen denjeni-
gen, welche man täglich in dem östlichen Asien entdeckt t
wo Völker von mongolischer Ra^e, besonders solche^ die
in der Civilisation am vveitesten fortgeschritten waren,
Mauren erbaut haben, durch welche ganze Provinzen von
einander getrennt werden.
Der Gipfel des Hügels von Xochicalco bildet eine läng-
lichfe Plattform,- welche von Norden nach Süden 72 Meters,
und von Osten nach Westen 86 Meters Lange hat. Sie ist
mit einer über zwey Meter hohen Mauer von gehauenen
Steinen umgeben , die den Streitern zur Vertheidigung
diente. In der Mitte dieses geräumigen Waffenplatzes fin-
den sich die Reste eines Pyramidal-Monuments von fünf
Absätzen, das, in Ansehung der Form, mit den oben be-
schriebenen TeocallPs übereinkommt. Nur der erste Absatz
4..
— 52 —
davon hat sich erhalten, und von diesem liefern wir die
Zeichnung auf der neunten Kupfertafel, Die Eigenthümer
einer benachbarten Zuckersiederey waren roh genug, die
Pyramide dadurch , dafs sie die Steine zum Bau ihrer Oefen
davon abrifsen, zu zerstören. Die Indianer von Tetlama
versichern, dafs noch 1750 alle fünf Absätze vorhanden ge-
wesen; und man kann, dem Maafs der ersten Stufe nach,
annehmen , dafs das ganze Gebäude 20 Meter hoch war.
Seine Seiten sind genau nach den vier Weltgegenden ge-
richtet. Die Grundfläche dieses Gebäudes hat 20 "^, 7 Länge
und 17 ™, 4 Breite. Es ist ein sehr auffallender Umstand ,
dafs man keine Spur von einer Treppe, die auf den Gipfel
der Pyramide führte, entdeckt; unerachtet man ehmals
doch einen steinernen, mit Hieroglyphen verzierten, Sessel
{Ximotlalli) auf derselben gefunden haben will.
Die Reisenden, welche dieses Werk der Ureinwohner
von America in der Nähe untersucht haben, können sich
nicht genug über die Politur und das Bebauen der Steine,
über die Sorgfalt, mit der solche an einander gefügt sind,
ohne dafs die Fugen mit Mörtel ausgefüllt wären , und über
die Ausführung der Reliefs an den Absätzen wundern. Jede
Figur nimmt mehrere Steine zugleich ein , und. weil die Um-
rifse durch die Fugen nicht unterbrochen sind , so darf
man annehmen , dafs die Reliefs erst nach Vollendung des
Gebäudes eingehauen wurden. Unter den hieroglyphischen
Verzierungen der Pyramide von Xochicalco bemerkt man
Crocodils- Köpfe, welche Wasser speyen, und Figuren von
Menschen, die, nach der Weise mehrerer asiatischer Völ-
ker, mit gekreuzten Beinen sitzen. Erwägt man nun, dafs
sich das Gebäude auf einem , über 1300 Meter hoch gelege-
nen, Plateau befindet, und dafs die Crocodile sich nur in
den Flüssen , nahe an der Seeküste, aufhalten, so mufs man
erstaunen, dafs der Architekt, statt Thiere und Pflanzen,
welche bergbewohnenden Völkern bekannt sind, zu wäh-
-- 53 —
len , jiur Verzierung dieser Reliefs die riesenförmigen Ge-
schöpfe der heifsen Zone^ besonders ausgesucht bat. Der
Graben, womit dieser Hügel umgeben ist, die Bekleidung
der Absätze, die grofse Anzahl Gemächer, welche auf der
Nordseite in den Felsen gehauen sind, die Mauer, die die
Annäherung an die Plattform verhindert, alles diefs giebt dem
Monument von Xochicalco den Karakter eines militairischen
^Monuments. Auch bezeichnen die Eingebornen die Pyra-
mide, welche sich in der Mitte der Plattform erhob, noch
heutzutag mit einend dem Wort Castell oder Citadelle gleich
bedeutenden Ausdruck. Die grofse Uebereinstimmung der
Form zwischen dieser vermeintlichen Pyramide und den
Häusern der aztekischen Götter (Teocallis) führt mich
auf die Vermuthung, dafs der Hügel von Xochicalco nichts
anders, als ein befestigter Tempel war. Auch die Pyra-
mide des Mexitil, oder der grofse Tempel von Tenochtitlan,
enthielt ein Arsenal in seinem Bezirk, und diente während
der Belagerung bald den Mexicanern , bald den Spaniern als
Fort. Gleichfalls belehren uns die heiligen Bücher der
Ebräer, dafs, in den ältesten Zeiten, die Tempel Asiens,
wie zum Beispiel der des Baal Berith zu Sichern, in Ca-
naan , dem Gottesdienst gewidmete Gebäude und zugleich
Verschanzungen waren, worinn sich die Einwohner einer
Stadt gegen den Angrif ihrer Feinde in Sicherheit setzten.
Nichts ist ja den Menschen auch wirklich natürlicher, als die
Orte zu befestigen, in welchen sie die Schutzgötter des Va^
terlands aufbewahren; nichts beruhigender für sie, wenn
das gemeine Wesen in Gefahr ist , als sich zu den Füfsen der
Altäre zu flüchten, und unter ihrem unmittelbaren Schutze
zu streiten I Bei Völkern , deren Tempel eine der ältesten
Formen, die der Pyramide des ßelus, beibehalten hatten,
entsprach die Beschaffenheit des Gebäudes dem doppelten
Gebrauch zum Gottesdienst und zur Vertheidigung vortref-
lichj bei den griechischen Tempeln aber konnte allein die
•^ 54 -^
Mauer, welche den Peribolos bildete, den Belagerten zum
Zufluchtsorte dienen.
Die Einwohner des benachbarten Dorfs Tetlama besitzen
eine , yoF der Ankunft der Spanier verfertigte , geographische
Karte, der man seit der Eroberung einige Namen beigefügt
hat. Auf derselben findet man an der Stelle, wo das Monu-
ment von Xochicalco steht, die Figur von zwei Kriegern,
welche^mit Keulen streiten , und von denen der eine Xo-
chicatli, der andere Xicatetli genannt ist. Wir folgen hier
den etymologischen Untersuchungen der mexicanischen Al-
terthumsforscher nicht, um zu erfahren, ob einer von diesen
Kriegern dem Hügel von Xochicalco seinen Namen gegeben
habe, oder ob das Bild der beiden Streiter blos eine zwi-
schen zwei benachbarten Nationen gelieferte Schlacht bedeu-
te: oder endlich, ob dieses Monument die Benennung, üfaz/^
der Blumen y darum erhalten habe, weil die Tolteken,
gleich den Peruanern , der Gottheit keine andre Opfer brach-
ten, als Blumen, Früchte und Weihrauch. Bei Xochicalco
fand man voi- 20 Jahren auch einen einzelnen Stein, worauf
ein Adler, der einen Sclaven zerfleischt, in erhabener Ar-
beit vorgestellt war, welches Bild ohne Zweifel auf einen
Sieg anspielte, den die Azteken über irgend eine angränzende
Nation davon getragen habt-n.
Die Zeichnung des Reliefs an dem ersten Absatz ist nach
einem Kupferstich gettiacht worden , welchen Herr Aizate
1791. davon in Mexico herausgab. Ich habe nicht Gelegen-
heit gehabt, dieses merkwürdige Monument selbst zu besu-
chen. Denn als ich über das Südmeer in Neu-Spanien an-
gekommen war, und im Monat April 1803. von Acapulco
nach Cuernavacca gieng, war mir das Dasein des Hügels von
Xochicalco unbekannt, und ich bedaure sehr, dafs ich d\ei
Beschreibung, welche Herr Azate, correspondirendes Mitglied
der Pariser Academie der Wissenschaften, davon gemacht
hat, nicht nach eigener Ansicht bestätigen konnte. Weil
^ 55 —
der Tafel IX. kein Mafsstab beygefügt Ist, so mufs ich bot
merken , dafs die Figuren , welche mit gekreuzten Beinen
sitzen, eine Höhe von i,*" 03 haben. iDescripcion de las
Antiguidades de ^ochicalco ^ por Don Joseph Antonio
Alzate y Ramirez; Mexico^ iTQr« Siele auch eine, seit
meiner Rückkehr von einem, sehr unterrichteten, Jesuiten,
Pedro Marquez herausgegebene Abhandlung , welche den
Titel führt: (Due antichi Monumentl di architettura
messicana illustrati da Pietro Marquez ; Roma<, 1804»
Zehnte Kupfertafel.
Vulcan von Cotopaxi,
Weiter oben habe ich, bei der Beschreibung des Thals
von Icononzo, bemerkt, dafs die ungeheure Höhe der Pla-
teau*s, welche die hohen Gipfel der Cordilleren umgeben ,
bis auf einen gewifsen Grad den Eindruck mindere ♦ den
diese grofsen Massen in der Seele eines , an die majestäti-
schen Scenen der Alpen und Pyrenäen gewöhnten , Reisenden
zurücklassen. In der That geben auch nicht sowohl die ab-
solute Höhe der Berge, als vielmehr ihr Ansehen, ihre
Formen und ihre Gruppirung der Landschaft einen besondern
Karakter.
Diese Physiognomie der Gebirge habe ich in einer
Reihe von Zeichnungen darzustellen gesucht, wovon einige
schon in dem geographischen und physischen Atlas erschie-
nen sind , der meinen Versuch über das Königreich Neu»
Spanien begleitet. Es schien mir für die Geologie sehr wich-
tig , die Gebirgsformen in den entlegensten Theilen der
Erde ebenso vergleichen zu können, wie man die Formen
der Vegetabilien aus verschiedenen Climaten vergleicht. Zu
diesem grofsen Geschäfte sind noch sehr wenige Materialien
gesammelt , auch ist es ohne Hülfe geodesis^^^^ Instr^-
- 56 -
mente , mit welchen man sehr kleine Winkel messen kann,
beinahe unmöglich , die Umrifse mit einer grofsen Genauig-
keit zu bestimmen. Zur nemÜchen Zeit, da ich mich auf
der südlichen Hemisphäre, und auf dem Rücken der Anden-
Cordillera mit dergleichen Messungen beschäftigte, zeichnete
JHerr Osterwald , mit Hülfe des vorzüglichsten Geometers,
Herr Tralles, nach einer analogen Methode, die Kette der
Schweizer- Alpen , so wie sie sich , von den Ufern des Neu-
burger-Sees aus betrachtet, darstellen. Diese kürzlich er-
schienet'e Ansicht ist so genau, dafs man, da die Entfernung
der Spitzen von einander bekannt ist, ihre relative Höhe
durch blofse Berechnung des Maafses der Umrisse der Zeich-
nung finden würde. Herr Tralles bediente sich dabei eines
Kepetitions-Zirkels ; ich nahm hingegen die Winkel , mit-
telst welcher ich die Gröfse der verschiedenen Theile eines
Bergs bestimmte, mit einem Sextanten von Ramsden auf
dessen Rand mit Sicherheit 6 bis 8 Secunden anzeigte. Wie-
derholte man diese Arbeit von Jahrhundert zu Jahrhundert,
so würde man am Knde zur Kenntnifs der zufälligen Ver-
änderungen gelangen , die die Oberfläche der Erdkugel er-
leidet. In einem Land, welches Erdbeben unterworfen und
durch Vulkane umgekehrt ist, hält die Auflösung der Frage
sehr schwer; ob die Berge sich senken, oder sich durch die
ausgeworfene Asche und Schlacken unmerklich erhöhen?
Blofse Höhenwinkel auf bestimmten Punkten genommen >
würden diese Frage weit besser, als eine vollständige trigono-
metrische Messung, aufklären, deren Resultat den doppelten
Verstössen, die man beim Messen der Basis, und der schie-
fen Winkel machen kann, ausgesetzt ist.
Vergleicht man die Physiognomie der Gebirge auf beiden
Continenten , so £ndet man eine Uebereinstimmung der
Form, die man nicht erwarten zu dürfen glauben sollte >
wenn man das Zusammenwirken der Kräfte bedenkt, welche
in der Urwelt stürmisch auf die weiche überfläche unsers
— 57 —
Pianeten gedröckt haben. Das vulkanische Feuer wirft Ke-
gel von Asrhe und Bimsstein auf, oder es macht sich durch
einen Krater Luft; Blasen , die ganzen Domen oder Glocken
von aufserordentlicher Gröfse gleichen, scheinen blos durch
die Ausdehnungskraft der elastischen Dünste zu entstehenl;
Erdbeben haben ganze Lagen von Meerschnecken aufgetrie-
ben oder wieder verschlungen ; SeestrÖme durchfurchten den
Grund der Becken, welche gegenwärtig die zirkeiförmigen
Thäler, oder die, mit Bergen umgebene, Plateau's bilden.
Jede Gegend der Erde hat ihre eigene Physiognomie; aber
mitten unter diesen karackteristischen Zügen , die den An-
blick der Natur so reich und so abwechselnd machen , über-
rascht uns die Aehnlichkeit der Form, welche sich auf die
Uebereinstimmungder Ursachen und Lokal-ümstUnde grün-
det. Wenn man zwischen den canarischen Inseln hinschtfft,
und die Basaltkegel von Lanzerota, Alegranza und la Gra-
tiosa betrachtet, so glaubt man die Gruppe der euganeischen
Berge, oder die Trapp-Gebirge von Böhmen zu sehen. Die
Granite, die mit Glimmer vermischten Schiefer, die alten
Sandsteine , die Kalkformationen , welche die Mineralogen
mit den Namen, Formationen der Jura, der Hochalpen
oder Uebergangs-Kalkstein bezeichnen, geben dem Um-
rifs der grofsen Mafsen, dem wilden Kamm der Anden, der
Pyreneen und des Urals einen eigenthümlichen Karakter.
_yeberall hat die Beschaffenheit der Felsen die 'äufsere Form
der Berge bestimmt*
Der Cotopaxi, dessen Gipfel die zehente Kupfertafel voir-
stellt, ist der höchste unter denjenigen Vulkanen der Anden,
welche in neuern Zeiten Ausbrüche gemacht haben. Seine
absolute Höhe beträgt 5,754» Meter, (2952 Toisen). Sie ist
demnach doppelt so grofs als die des Canigu, und achthun-
dert Meters gröfser, als die des Vesuvs seyn würde, wenn
man ihn auf den Gipfel des Picks von Teneriffa stellte.
Auch ist der Cotopaxi der gefürchtetste unter allen Vulkanen
— 58 -
des Königreichs Quito, weil seine Ausbrüche immer am
häufigsten und verwüstendsten waren. Betrachtet man die
Mafse von Schlacken, und die Felsenstücke, welche dieser
Vulkan ausgeworfen hat , und womit die benachbarten Thä-
jer, in einem Umkreis von mehrern Quadratmeilen, bedeckt
sind, so mufs man glauben, dafs sie zusammengenommen
einen colossalen Berg bilden würden. Im Jahr 1738. erho-
ben sich die Flammen des Cotopaxi 900 Meters über den
Rand des Kraters. Im Jahr 1744 wurde sein Brüllen in ei-
ner Entfernung von 200 gemeinen Meilen zu Honda , einer
am Magdalenen-Flufs gelegenen Stadt gehört. Den 4 April
1768. war die Menge der, aus seiner Mündung ausgestofse-
nen , Asche so grofs, dafs in den Städten Hatnbato und Ta-
cunga die Nacht bis 3 Uhr Mittags dauerte, und die Ein-
wohner mit Laternen auf den Strafsen gehen mufsten. Der
Explosion im Monat Januar 1803 giengein schreckliches Phä-
nomen voraus, nemlich das plötzliche Schmelzen des Schnees,
womit der Berg bedeckt ist. Seit mehr als 2,0 Jahren war
kein Rauch, kein sichtbarer Dunst aus dem Krater aufge-
stiegen, und in einer einzigen Nacht wurde das unterirrdi-
sche Feuer plötzlich so wirksam, dafs schon beim Aufgang
der Sonne die äufsere Wände des Kegels, die ohne Zweifel
bis zu einer sehr kalten Temperatur hinauf reichten , sich
nackt und schwarz, also in der eigenthümiichen Farbe der
verglasten Schlacken , zeigten. Im Hafen von Gw^yaquil,
52 Meilen in gerader Linie vom Rande des Kraters, härten
wir Tag und Nacht das Brüllen des Bergs, gleich dem wie-
derholten Abfeuern einer Batterie; und wir unterschieden
dieses schröckliche Getöse selbst auf der Süd-See, südwest-
lich von der Insel de la Puna, noch.
Der Cotopaxi liegt der Stadt Quito südsüd-östlich , in
einer Entfernung von 12 Meilen zwischen dem Gebirg von
Ruminavi , defsen Kamm , in kleine isojirre Felsen ausge-
zackt, sich wie eine ungeheure hohe Mauer hinstreckt, und
\
— 59 —
dem Quelendana, der in die Gränzen des ewigen Schnees
hinaufreicht. In diesem Theil der Anden trennt ein , der
Länge nach laufendes, Thal die Cordilleren in zwei parallele
Ketten. Der Grund dieses Thals ist noch 3000 Meter über
die Fläche des Oceans erhaben ; daher denn auch der Chim-
borazo und der Cotopaxi, von den Plateau's von Lican und
IVlulalo aus betrachtet, nicht höher als der Col de G6ant und
du Cramont, welche Hr. Saussure gemessen hat, zu seyn
scheinen. Da man Ursache hat, anzunehmen , dafs die Nähe
des Oceans zu Unterhaltung des vulcanischen Feuers bei-
trage, so sieht der Geologe mit Ueberraschung, dafa die
thUti<^sten Vulcane des Königreichs Quito, der Cotopaxi, der
Tungurahua und der Sangay der östlichen und somit der
von den Küsten entferntesten, der Anden-Kette, angehören.
Alle Piks, welche die westliche Cordillera krönen, schei-
nen, mit Ausnahme des einzigen Rucu-Pichincha, VulcauCj^
die seit einer langen Reihe von Jahrhunderten erloschen sind; ' j
der Berg hingegen, von dem wir eine Zeichnung geben,
und der 2*^ 2' von den nächstgelegenen Küsten , der von Es^
meralda und der Baye von Santa-Mateo entfernt ist, wirft
periodisch Feuergarben aus, und verwüstet die umliegenden
Ebenen, j '
Der Cotopaxi hat die schönste und regelmäfsigste Form
unter allen colossalen Spitzen der hohen Anden. Er ist ein
vollkommener Kegel , welcher , mit einer Ungeheuern Lage
Schnees bedeckt, bei Sonnenuntergang in blendendem Glän-
ze strahlt, und sich auf dem aziinen Himmels - Gewölbe
mahlerisch heraushebt. Dieser Schneemantel verbirgt dem
Aui^e des Beobachters auch die kleinsten Unebenheiten des
Bodens. Keine P'elsenspitze, keine Steinmasse ragt aus die-
sem ewigen Eis hervor, um die regelmäfsige Kegel -Figur
2u unterbrechen. Der Gipfel des Cotopaxi gleicht dem Zu-
ckerhut (jjan de azucar) , womit sich der Gipfel des Piks^ ; ;
5 •':'('
n
-- 66 —
von Teyde endiget, sein Kegel ist aber sechsmal so hoch,
als der grofse Vulcan auf Teneriffa.
Bios am Rande des Kraters nimmt man Felsenbänke
wahr, die sich mit Schnee bedecken, und von weitem wie
dunkelschwarze Streifen ausnehmen. Wahrscheinlich sind
der jähe Abhang dieses Theils des Kegels und die Spal-
ten, aus denen Ströme heifser Luft hervordringen, die
» Ursachen dieses Phänomens, Der Krater ist, gleich dem
des Piks auf Teneriffa, mit einer kleinen zirkeiförmigen
Mauer eingefafst, welche, durch gute Ferngläser betrachtet,
sich wie eine Brüstung darstellt. Am deutlichsten sieht
man sie an dem südlichen Abhang, wenn man auf dem Lö-
X- K J wenberg (Puma-Urcu), oder an den Ufern des kleinen Sees
1 '\ von Yuracoche steht. Um diesen eigenthümlichen Bau des
^ ' ' Vulcans kennen zu lernen, habe ich unten auf der Kupfertafel
die Ansicht vom mittäglichen Rande des Kraters beigefügt^
so wie ich sie an den Granzen des ewigen Schnees, (auf
einer absoluten Höhe von 4411 Meters) zu Suniguaicu, auf
dem Rande des Porphyr-Gebirgs , welches den Cotopaxi mit
\ dem Nevado von Quelendaria verbindet, gezeichnet habe.
Der kegelförmige Theil des Piks von Teneriffa ist sehr
zugänglich; er erhebt sich mitten aus einer, mit Bimsstein
^^\ bedeckten. Ebene, auf welcher einige Büsche von spartium
• supranuhium wachsen. Klettert man dagegen auf den Vul-
can von Cotopaxi, so ist es sehr schwer, die untere Gränze
des ewigen Schnees zu erreichen. Wir haben diese Schwie-
rigkeit bei einer Excursion, welche wir im Monat Mai des
Jahrs 1802 gemacht haben, erfahren. Der Kegel ist mit tie-
fen Spalten umgeben, die bei Ausbrüchen dem Rio Napo
und Rio de los Alaques Schlacken, Bimsstein, Wasser und
Eisschollen zuführen. Hat man den Gipfel des Cotopaxi in
der Nähe untersucht, so kann man beinahe behaupten, dafs es
unmöglich ist, bis an den Rand seines Kraters zu gelangen.
Je regelmafsiger die Form von dem Kegel dieses Vulcans
— 6i —
ist, desto mehr überrascht es, auf der südwestlichen Seite
eine kleine^ in Schnee halb begrabene, und in Spitzen aus-
gezackte felsenmasse zu finden, welche die Eingebornen
den Kopf des Inca nennen. Der Ursprung dieser seltsamen
Benennung ist sehr ungewifs. Im Lande selbst läuft eine
Volkssage, nach welcher dieser isolierte Fels ehemals einen
Theil vom Gipfel des Cotopaxi ausgemacht hat, und die
Indianer versichern , dafs der Vulcan , bei seinem ersten
Ausbruch , eine Steinmasse weit von sich geschleudert habe,
die, gleich dem Obertheil einer Glocke oder eines Doms,
die ungeheure Höhlung bedeckte, welche das unterirdische
Feuer einschliefst. Einige behaupten, diese Catastrophe
habe sich kurze Zeit vor dem Einfall des Inca Tupac Yupan-
qui in das Königreich Quito ereignet, und das Felsenstück,
welches man auf der loten Tafel zur Linken des Vulcans
bemerkt , sey darum der Kopf des Inca genannt worden ,
weil sein Fall eine unglückliche Vorbedeutung von dem Tode
des Eroberers gewesen sey. Andere, noch leichtgläubige-
re, versichern hingegen, diese Masse von Porphyr, mit ei-
ner Grundlage von Pechstein, seye durch eine Explosion
verrückt worden , die in dem nemlichen Augenblick, da der
Inca Atahuallpa von den Spaniern zu Caxamarca erdrosselt
wurde, erfolgte. Es scheint in der That ziemlich gewifs,
dafs sich ein Ausbruch des Cotopaxi zur nemlichen Zeit er-
eignete, da das Armee- Corps des Pedro Alvarado von Puer-
to Viejo nach dem Plateau von Quito zog; obgleich Piedro
de Cieca (Chronica del Peru, 1554. Cap. XLI. Fol. 109.)
und Garcilasso de la Vega ( Comentarios Reales , lib. IL
c. a, T. II. p. 59.), nur sehr unbestimmt von dem Berg re-
den , welcher Asche ausgeworfen hat, durch deren plötzli-
ches Niederfallen die Spanier erschreckt wurden. Um aber
der Meinung beizupflichten, dafs erst um diese Zeit der,
Caheza del Inca genannte, Fels seinen gegenwärtigen
Platz eingenommen habe, müfste man voraussetzen, dafs
'S
— 6a —
der Cotopaxi keine ältere Ausbrüche gehabt habe ; welche
Voraussetzung jedoch um so unrichtiger ist, da ^ie Mauern
an dem, von Huayna Capac erbauten, Pallast des Inca zu
Gallo, Steine von vulcanischem Ursprung enthalten, die der
Cotopaxi ausgeworfen hat. Wir werden an einem ändern
Ort die wichtige Frage untersuchen, ob es wahrscheinlich
seye, dafs der Vulcan damals schon, als sich das unterirdi-
sche Feuer durch seinen Gipfel Luft gemacht, die gegen-
wärtige Höhe gehabt habe, oder ob nicht vielnehr mehrere
geologische Thatsachen zusammengenommen beweisen, dafs
sein Kegel, so wie der Somma des Vesuvs, aus einer Men-
ge aufeinanderliegender Lava -Schichten zusammengesetzt
seye.
Ich habe den Cotopaxi und den Kopf des Inca auf der
Westseite des Vulcans , in dem Meierhof von la Siehega
von der Terrasse eines schönen Landhauses aus gezeichnet j
das unserm Freunde, dem jungen Marquis von Maenza^
welcher kürzlich die Granden- Würde und den Titel eines
Grafen von Pugnelrostro ererbt hat, gehört. Um in diesen
Ansichten der Anden- Spitzen die Berge, welche noch thiiti-
ge Vulcane sind^ von denen, die nicht mehr auswerfen, zu
unterscheiden , habe ich mir erlaubt, über dem Krater des
Cotopaxi einen leichten Rauch anzugeben , ob ich gleich
damals, als ich diese Skizze machte^ keinen daraus aufstei-
gen sah. Das Haus von la Sienega, das von einer, tnit
Hrn. de la Condamine sehr genau verbundenen , Person er-
baut wurde, liegt in der grofsen Ebene, die sich zwischen
den zween Aesten der Cordilleren, von den Hügeln von
Chisinche und Tiopullo, bis nach Hambato, ausdehnt. Man
sieht hier, zu gleicher Zeit und in furchtbarer Niihe^ den
culossalen Vukan von Cotopaxi, die aufgeschlossenen Piks
von liinissa, und den Nevado von Quelendana. Es ht diefs
eine der majestätischsten und imposantesten Anöiehten, ditf
ixiir auf beiden Hemisphären vorgekoniimen siftd.
- 63 -
(Siehe meine Ideen zu einer Geographie der Pflan-
zen, S. 177.7 mein Nivellement barometrique , S. 29.;
meine Ansichten der Natur , B. I. S. 173.; und meinen
politischen Versuch über Neu- Spanien^ in der geogra^
phischen Einleitung , B. I. S. CXLVU. — CLL)
Eilfte Kupfertafel.
Ein, zu O axaca gefundenes, mexicanisches
Reli ef.
Dieses Relief, eines der merkwürdigsten Ueberbleibsel
mexicanischer Bildhauerkunst, ist vor wenigen Jahren in der
Nähe der Stadt Oaxaca gefunden worden. Die Zeichnung davon
wurde mir von einem ausgezeichneten Naturkundigen, Hrn.
Cervantes, Professor der Botanik in Mexico, mitgetheilt,
dem wir die Kenntnifs der neuen Geschlechter Cheiroste-
mon, Guardiolä und vieler andern Pflanzen zu verdanken
haben, welche die Herren Sesse und Mocino in ihrer Flora
von Neu-Spanien herausgeben werden. Herr Cervantes er-
hielt von den Personen , die ihm diese Zeichnung zuge-
schickt haben ^ die Versicherung, dafs solche mit der gröfs-
ten Sorgfalt copirt, und dafs das Relief, welches in einen
schwärzlichen und sehr harten Stein gehauen ist, über einen
Meter hoch sey.
Wer sich ein besonderes Studium aus den toltekiscben
und aztekischen Monumenten gemacht hat, mufs einer Seits
über die Aehnlichkeit des Reliefs von Oäxäca mit den Figu-
ren in den hieroglyphischen Handschriften, an den Idolen,
und auf der Bekleidung mehrerer Teocalli's , und anderer
Seits über die Contraste erstaunen, die sie in verschiedenen
Rücksichten gegen letztere bilden. Statt jener untersetzten
Menschen^ welche kaum fünf Köpfe hoch sind, und an den
ältesten etrurischen Styl efinnern, bemerkt man auf dem
Relief der Uten Platte eine, aus drei Figuren von schlanker
- 64 -
Form bestehende , Gruppe , deren ziemlich richtige Zeich-
nung nicht mehr die erste Kindheit der Kunst verr'äth. Frei-
lich mufs man befürchten, dafs der spanische Mahler, der
diese Bildhauerei inOaxaca kopirte, hie und da die Umrisse,
besonders an den Händen und Fufszehn , vielleicht unwiil-
kührlich verbessert habe ; aber darf man annehmen , dafs er
das Verhaltnifs der ganzen Figuren verändert habe? Ver-
liert diese Voraussetzung nicht alle Wahrscheinlichkeit, wenn
man die ängstliche Sorgfalt , mit der die Form der Köpfe,
die Augen und vorzüglich die Zierrathen des Helms nachge-
bildet sind , bemerkt ? Diese Zierrathen , unter denen mian
Federn,. Bänder und Blumen erkennt, diese aufserordentlich
grofsen Nasen , trift man auch in den mexicanischen Mahle-
reien an, welche zu Rom, Veletri und Berlin aufbewahrt
werden. Nur wenn man Alles, was indem nemlichen Zeit-
raum , und durch Völker gemeinschaftlichen Ursprungs ,
hervorgebracht worden ist, zusammenitellt, gelangt man
zu einer richtigen Idee von dem Styl, welcher den Karakter
der verschiedenen Monumente bezeichnet; wenn man anders
die üebereinstimmung, die man unter einer Menge von fan-
tastischen und seltsamen Formen entdeckt, einen Styl nen-
nen darf.
Man könnte ferner fragen, ob sich das Relief von Oaxaca
nicht aus einer Zeit herschreibe, wo die indianischen Bild-
hauer, nach der ersten Landung der Spanier, schon Kennt-
nifs von einigen europäischen Kunstwerken hatten ? Um
diese Frage zu untersuchen, mufs man sich erinnern, dafs
drei oder vier Jahre vorher, ehe sich Cortes des Lands von
Anahuac bemeisterte, und die geistlichen Missionarien den
indianischen Künstlern verboten andre Gegenstände, als hei-
lige Figuren darzustellen, schon Hernandez von Cordova,
Antonio Alaminos und Grixalva die americanischen Küsten
von der Insel Cozumel und dem, auf der Halbinsel Vucatan
^eilegenen , Vorgebirg Catoche aij^ bis zur Mündung des
^•' " , Flulises
~ 65 -
Fluftes Panuco, besucht hatten. Diese Eroberer Hefsen sich
überall ruit deu EiriN\ohnern ein, welche sie wohJgekleidet,
^n volkreichen Städten vereinigt und in der Civilisation un-
endlich weiter, als alle andre Völker des neuen Continents,
fortgeschritten fanden. Wahrscheinlich kamen den Einge-
bornen durch diese militärischen Züge Kreutze, Rosenkränze
und einige, von den Christen verehrte, Bilder in die Hände;
auch könnten diese von Hand zu Hand, von den Küsten bis
in die ir.nern Länder im Gebirg von Oaxac^, gelangt seyn;
aber kann man annehmen, dafs der Anblick einiger richtig
gezeichneten Figuren die, durch den Gebrauch von mehrern
Jahrhunderten geheiligten. Formen verdrängt habe? — Ohne
Zweifel würde ein mexicanischer Bildhauer das Bild eines
Apostels getreu nachgebildet haben ; aber hätte er es in einem
Lande, wo die Eingebornen, gleich den Indostanern und
Chinesen, mit der grossen Hartnäckigkeit an den Sitten, Ge«
wohnheiten und Künsten ihrer Vorältern hängen , wagen
dürfen, einen aztekischen Helden, oder eine Gottheit unter
fremden und neuen Formen darzustellen ? Aufserdem zei-
gen die historischen Gemälde , die von mexicanischen Mahlern
nach der Ankunft der Spanier verfertiget worden sind , und
deren mehrere sich unter den Trümmern der Boturinischen
Sammlung zu Mexico befinden, augenscheinlich, wie laiig-
sam die europäischen Künste auf den Geschmack und die
Richtigkeit in den Zeichnungen der amerikanischen Völker
eingewirkt haben.
Ich habe für nothwendig gehalten, die Zweifel, welche
man gegen den Ursprung des Reliefs von Oaxaca erheben kann,
anzuführen. Ich liefs es in Rom, nach der Zeichnung,
welche mir davon mitgetheilt wurde, stechen ; bin aber weit
entfernt, über ein so aufserordentliches Monument , das
ich nicht einmal selbst untersuchen konnte, zu entscheiden.
Die Architectur des Pallastes zu Mitla , die Schönheit der
Grecgues und der Labyrinthe, womit seine Mauern geziert
Humboldt' s pitt. Ans. d. CordilL 5
— Ö6 —
s^d, beweisen, dafs die Civillsarion bei den zapotekischen
Völkern einen höhern Grad erreicht hatte, als bei den Kin-
wohnern des Thals von Mexico. In dieser Rücksicht dürfen
wir uns daher weniger darüber wundern , dafs da&Jlelief ,
welches unsre Aufnnerksamkeit fesselt, zuOaxaca, demal-
ten HuaxyacaCf das der Hauptort des Landes der Zapo-
teken war , gefunden worden ist. Dürfte ich meine eigene
Meinung aussprechen, so würde ich sagen, dafs es mir viel
natürlicher scheint, dieses Monument Americanern, die noch
nicat mit den Weifsen in Verbindung waren, zuzuschreiben ,
als anzunehmen, dafs sich irgend ein spanischer Bildhauer,
4er der Armee des Cortes gefolgt ist, den Spafs gemacht
habe, dieses Werk, zu Ehren des überwundenen Volks,
jn americanischem Style zu verfertigen. Die Eingebornen
<ier Nordwestküste von America sind niemals zu den sehr
civilisirten Völkern gezahlt worden , und doch haben sie es
zur Ausführung von Zeichnungen gebracht, an denen eng-
lische Reisende die Richtigkeit der Verhältnifse bewundert
haben. {Dixoti's Foyage, p. 242).
Was es nun auch damit für eine Bewandtnifs habe, so
scheint es gewifs zu seyn, dafs das Relief einen, aus der
Schlacht kommenden, mit Beute von seinen Feinden gezier-
ten, Krieger vorstellt. Zween Sclaven sind zu den füfsen
des Siegers angebracht, Ain auffallendsten an dieser Compo-
sition sind die ungeheuren Nasen, welche an den sechs, im
Profil gezeichneten, Köpfen wiederholt sind. Diese Nasen
sind der wesentliche Karacter aller Denckmahle von mexi-
canischer Bildhauerei. Auf den, sowohl zu Wien, Rom und
Vel^tri, als in dem Pallast des Vice- Königs zu Mexico auf-
bewahrten, hieroglyphischen Gemälden sind alle Gotthei-
ten, Helden, , und selbst Priester mit grofsen Adlers.- Nasen
abgebildet, welche oft gegen die Spitze hin durchstochen,
und mit dar AmphUbeiie oder der geheimfiifsvoUen zwei-
köpfigen Schlange, geziert sind. V/'ielleicht bezeichnet diese
- 67 -~
aufserordentliche Physiognomie auch irgend eine, von den
gegenwlirtigen Bewohnern dieser Gegenden sehr verschieb
dene, Menschenra9e, die eine dicke, platte Nase hatte, und
von mittelmafsiger Leibesgröfse war. i\uc}i wäre es mög-
lich, dafs die aztekischen Völker mit dem Fürsten der Phi-
losophen {Plato de Repuhlica , Lih. VJ) geglaubt, eine
grofse Nase habe etwas Majestätisches und Königliches
(,^«ö-/X/xov)' und dafs sie solche in ihrem Relief und Mahlereien
als das Symbol der Macht und moralischen Gröfse betrachtet
hätten.
In der mexicanischen Zeichnung ist die zugespitzte
Form der Köpfe nicht minder auffallend, als die Gröfse der
Nasen. Untersucht man den Schädel der EIngebornen von
America osteologisch , so ergiebt sich, wie ich schon anders-
wo bemerkte , dafs keine Menschenrage auf dem Erdboden
das Stirnbein stärker nach hinten niedergedrückt, oder eine
kleinere Stirne habe. (Blu?ncnbach, Decas quinta cra^
niorum, t8o8. S. 14. Tab. 46). Diese aufserordentliche
Abplattung findet sich bei den Völkern von kupferfarber
RaQe, welche nie die Gewohnheit gekannt haben, künst-
liche ünformen hervorzubringen , wie die Schädel der me-
xicanischen , peruanischen und Atures-In dianer bewiesen >
die Herr ßonpland und ich mitgebracht, und wovon wir
mehrere In dem Museum der Naturgeschichte zu Paris nie-
dergelegt haben. Die Negern geben den dicksten und her-
vorragendsten Lippen den Vorzug; die Calmücken gestehen
solchen den Stülp-Nasen zu , und ein berühmter Gelehrter,
Herr Cuvler (^Lecons d' Anatomie comparee. B. IL 6.)t
bemerkt, dafs die griechischen Künstler, bei den Statuen
der Helden die Oesichtslängen- Linie auf eine unnatürliche
Weise um 95 bis loo Grade erhöhet haben. Ich bin geneigt
zu glauben, dafs der, bei einigen wilden Horden eingeführte
Gebrauch, den Kopf der Kinder zwischen zwei Brettern
zusammenzudrücken, seinen ürsprung^von der Idee genom-
5-
- 68 -
mcn hat, dafs die Schönheit (inf dieser aufserordentlichen
Abplattung des Stirnbeins, durch welche die Natur dieame-
ricanische Ra9e karakterisirt hat, bestehe. Ohne Zweifel
iiaben selbst die aztekischen Völker, welche niemals die
^v Köpfe ihrer Kinder verunstalteten , nach diesem SchÖnheits-
Princip ihre Helden und vorzüglichsten Gottheiten mit einem
viel stärker abgeplatteten Kopfe vorgestellt, als mir je un-
ter den Caraiben am Mieder-Orinoco vorgekommen ist.
Der, auf dem Relief von Oaxaca abgebildete, Krieger
zeigt eine ganz besondere Mischung von Trach^^en. Die Zier-
rathen seines Kopfputzes, der die Form eines Helms hat,
\ lund die an der Standarde (^Signmn,') y welche er in der lin-
ken Hand hält, und auf der man, wie auf der Fahne des
Oeotelolco, einen Vogel erblickt, finden sich auf allen azte-
kischen Malereien. . Das Leibkleid mit langen und engen
Aermeln erinnert an das Gewand , das bei den mexica»
nern Ichcahuepilli hiefs; aber das Netz, das die Schultern
bedeckt, ist ein Zierrath, welchen man sonst nicht mehr
bei den Indianern vorfindet. Unter dem Gürtelist die Haut
eines laguar, wovon man den Schwanz nicht abgeschnitten
hat. Die spanischen Geschichtschreiber melden , dafs die
mexicanischen Krieger, um in dem Streit fürchterlicher aus-
zusehen, ongeheure Helme von Holz in Form von Tiger-
köpfen trugen , deren Rachen mit Zähnen von diesem Thier
IjCsezt war. Zween Schädel, ohne Zweifel von überwun-
denen Feinden , sind an dem Gürtel des Siegers befestiget,
und seine Füsse mit einer Art von Halbstiefeln bedeckt
welche an die ffxiXtui oder Caligae der Griechen und Rö-
mer erinnern.
Die, zu den Füfsen des Üeberwinders mit gekreuzten
Beinen sitzenden, Sclaven sind wegen ihrer Stellungen und
ihrer Nacktheit sehr merkwürdig. Der zur Linken gleicht
den Figuren jener Heiligen, die man auf hindostanischen Ge-
mälden sehr häufig antrift, und die der Seemann Roblet auf
- 69 -
der nordwestlichen Küste von America unter den hierogly-
phischen Malereien der Bewohner des Coox-Canals gefunden
hat. (Foyage de Marchand, B. L S. 312). Es wäre
übrigens leicht, auf diesem Relief die phrygische Mütze und
die Schürze (^m^tad^et) der egyptis^rhen Statuen zu finden ,
wenn man einem Gelehrten {Court de Gebeliri) folgen
wollte, der, durch seine feurige Einbildungskraft verleitet,
in dem neuen Continent karthaginensische Innschriften und
phönizische Denkmale zu entdecken glaubte. (Siehe Ar-
chaeologia : or miscellaaeous tracts relating to Antiqui-
ty ; published by the Society of Antiquarians oj
London, Vol. VUI , S. 390.)
Zwölfte Kupfertafel.
Genealogie der Fürsten von Azcapozalco.
Man hat auf dieser Tafel zwei Bruchstücke von hiero-
glyphischen Gemählden zusammengestellt , welche beide
jünger sind, als die Ankunft der Spanier auf den Küsten
von Anahuac. Die Originale, nach welchen diese Zeich-
nungen gemacht wurden, gehören zu den aztekischen Hand-
schriften, die ich aus Neu-Spanien mitgebracht, und in der
königlichen Bibliothek zu Berlin niedergelegt habe. Der,
mittelst mehrerer Wechselplatten abgedruckte, Kupferstich
ahmt, aufser der Zeichnung, auch die Farbe des mexicani-
schen Papiers vollkommen nach. Er erinnert an den be-
rühmten Umschlag einer Mumie , welche sich einige Zeit in
dem Cabinet eines Privatmanns zu Strasburg befand, und
womit nun das egyptische Institut seine grofsen und kost-
baren Sammlungen bereichert hat.
Das Papier, welches zu den hieroglyphischen Mahle-
reien der aztekischen Völkern diente, hat viele Aehnlich-
keit mit dem alten egyptischen, aus Fasern von Schilf (C^-
perus papyrus) verfertigten, Papier, das, nach des Herrn
— 7^ —
Landolina's Bemerkung, auch in der Gegend von Syrakus,
wie an den Ufern des NÜs» wild wächst. Die Plla.ize,
welche man in Mexico zur Verfertigung des Papiers ge-
brauchte, ist die nemitche, die in unsern Gärten unter dem
Namen Aloe vorkommt. £s isc die Agave americana,
von den Völkern azttkischen Stamms Metl , oder Maguey
benannt. Die Verfahrungsart bei Verfertigung dieses Pa-
piers kam ungefähr derjenigen gleich, welche in den luseln
des Südmeers t)ei Anwe:i-ung der Rinde des Papier- Maul-
beerbaums (Järoussonetiapapyrijera) zu ähnlichem Zwe-
cke, befolgt wird. Nachdem man nemlich die Blätter und
Stiele lange genug im Wasser eingeweicht hatre, um die
Fasern davon zu trennen, leimte man diese lagenweis über
einander. Dieses Papier aus Metl war von verschiedener
Qualität; einiges gleich dem Papendeckel, anderes hätte
man für das feinste chinesische Papier halten können. Ich
habe Stücke gesehen, die 3 Meters lang, und zwei breit
waren. In dem alten Anahuac war der Verbrauch dieses
Papiers so grofs , dafs nach denen , von Thevenot , und
neuerlich von dem Cardinal Lorenzana zu Mexico herausge-
gebenen, Registern der Tribute, die Städte Quauhnahuac,
Panchimalco, Atlacholoajan , Xiuhtepec und Huitzilac dem
König Montezuma jahrlich 16000 ßaiien Metl-Papier bezahl-
ten. Heutzutag l]^ngegen wird die Agave nicht mehr we-
gen des Papiermachens gebaut, sondern um, zur Zeit der
Entwicklung des Stiels und der Blumen, aus ihrem Saft
den berauschenden Trank, der unter dem Namen Octli oder
Pulgue bekannt ist, zu bereiten ; denn die Agave oder Metl
kann zugleich die Stelle des asiatischen Hanfs, des egypti-
schen Schilfs und d'c-s europäischen Weinstocks vertreten.
Der Bau dieser Pflanze, welche auf den höchsten und käl-
testen Piateau's fortkommt, ist ein so bedeutender Gegen-
stand für den Fiscus, dafs die Abgaben von der Einfuhr' des
Puique in den drei St'^,dten Mexico, Toluca und Puebla der
- 71 —
Regierung den jährlichen reinen Ertrag von beinahe vier
Millionen Frafiken abwerfen. (S. meinen politischen Ver-
such über das Königreich Neu-Spanien. B. IV. Kap. IX.)
Das Gemähide, wovon sich unten, auf der zwölften
Kupfertafel eine Copie befindet, ist fünf Decimeters lang, und
drei breit. Es hat sich gut erhalten, die Farben sind sehr
bbhiift, und das Agave - Papier , welches durch die Zeit
gelb geworden ist, sehr fein und gleich gewoben. Wahr-
Soht^inlich hat dieses Bruchstück von Hieroglyphen-Schrift,
das ich zu Mexico in der Versteigerung der Sammlungen
des Herrn Gama gekauft habe, ehemals dem Museum des
Ritters ßoturini Benaducci angehört. Dieser mailändische
Reisende war aus keiner andern Ursache über das Meer ge-
gangen, als um die Geschichte der eingebomen Völker von
America an Ort und Stelle selbst zu studieren. Als er aber
dai> La 'd bereifste , um die Monumente zu untersuchen, und
bei den Indianern Alles, was auf ihre Mythologie, ihre Ge-
setze und den alten Zustand ihrer Civilisation Bezug hatte,
zu sammeln , widerfuhr ihm das Unglück, dafs er das Mifs-
trauer, der spanischen Regierung erweckte. Nachdem man ihn
daher aller Früchte seiner Bemühungen beraubt hatte, wur-
de er im Jahr 1736 als Staatsgefangener nach Madrid ge-
schickt. Hier erklärte ihn der König von Spanien nun frei-
lich für unschuldig; aber diese Erklärung verhalf ihm nicht
wieder zu seinem Eigenthum. Diese Sammlungen, von de-
nen Boturini am Ende seines, zu Madrid gedruckten, Essai
sur l'Histoire ancienne de la Nouvelle- Espagne das
Verzeichnifs bekannt gemacht hat, blieben in den Archiven
des Königreichs Mexico begraben, und man hat diese kost-
bare Reste aztekischer Cultur mit so wenig Sorgfalt aufbe-
wahrt, dafs heutzutag kaum noch der achr'e Theil von den
hierogiyphischen Handschriften übrig ist, welche dem ita-
lienischen Reisenden abgenommen wurden.
♦
— 72 —
Diejenigen, welche von Boturini das genealogische Ge-
mHhlde, das wir liefern, besafsen, fügten demselben erklä-
rende Noten, bald in mexicanischer, bald in spanischer
Sprache , bey. Man ersieht aus diesen Anmerkungen , dafs
die Familie, deren Genealogie die Zeichnung darstellt, die
der Herren (Tlatoanis) von Azcapozalco ist. Das kleine
Land dieser Fürsten, welchem die Tepaneken den prachti-
gen Namen eines Königreichs gaben , lag in dem Thal von
Mexico, an dem westlichen Ufer des Sees von Tezcuco,
nördlich von dem Flufs Escapuzalco. Torquemada sagt,
dafs diese, auf das Alter ihres Adels eifersüchtige Fürsten
ihren Ursprung bis in das erste Jahrhundert unserer Zeit-
rechnung hinaufgesetzt haben. Sie waren nicht von mexi-
canischem oder aztekischem Stamme, sondern betrachteten
sich als Abkömmlinge von den Königen der Acolhuen , wel-
che das Land Anahuac vor der Ankunft der Azteken regiert
hatten. Diese letztere machten sich die Fürsten von Azca-
pozalco zinsbar, und zwar im eilften Calli der mexicanischen
Zeitrechnung, welcher mit dem Jahr 1425 unsers Kalenders
Übereinstimmt.
Das genealogische Gemahlde scheint 24 Generationen
2U umfassen, die durch eben so viele, unter einander ge-
stellten Köpfe bezeichnet sind. Man darf sich nicht wun-
dern, dafs man nie mehr, als einen einzigen Sohn sieht;
denn auch bei den ärmsten Indianern, die zugleich zinsbar
sind, wird alles nach dem Majorat vererbt. (Gomara Hist,
de la Conquista de Mexico^ 1553- ft)^« CXXL) Die Ge-
nealogie beginnt mit einem Fürsten Namens Tixipirzin , den
man nicht mit Tecpaltzin , dem Oberhaupt der Azteken bei
ihrer ersten Auswanderung aus Aztlan, noch mit Topiltzin,
dem letzten König der Tolteken, verwechseln darf; aber
man wird sich vielleicht wundern , it^tt des Namens Tixl-
pitzin nicht den von Acolhuatzin , dem ersten König von
Azcapozalco von der Familie der Cltin , zu finden , wel-
- 73 -
eher, nach der Tradition der Eingebornen, in einem sehr
entfernten Lande, nördlich von Mexico regierte. Neben dem
vierzehnten Kopf steht der Name Vitznahuatl geschrieben.
Wäre dieser Fürst nur Eine Person mit einem König von
Haexotla, den die mexicanischen Geschichtschreiber auch
Vitznahuatl nennen, und der um das Jahr 1430 lebte, so
würde, nur ;^o Jahre auf eine Generation gerechnet, die
Genealogie der Familie Azcapozalco bis zum Jahr loio
unserer Zeitrechnung hinaufreichen. Aber wie soll man in
diesem FiU, da die Zeichnung gegen Ende des i6ten Jahr-
hunderts gemacht zu seyn scheint, die zehn folgenden Ge-
nerationen erklären ? Ich will hierüber eben so wenig ent-
scheiden, als warum die Jahrszahl 1565 zwischen dem Na-
men der beiden Fürsten Anahuacatzin und Quauhtemotzin
steht. Man weifs, dafs letzteres der Name des unglückli-
chen aztekischen Königs ist, welchen Gomara fälschlich
Quahutimoc nennt, und der, auf Cortes Befehl, im Jahr
1521 an den Füf en aufgehängt wurde, wie diefs durch eine,
sehr kostbare, in dem Kloster von San-Felipe Neri zu Me-
xico aufbewahrte hieroglyphische, Geschichte erwiesen ist.
(Siehe meinen politischen Versuch über Neu- Spanien.
B. 2. S. 57.) Aber wie sollte dieser König, ein Neffe von
Monteznma, in die Familie der Herrn oder Tlatoanis von
Azcapozalco kommen?
So viel ist gewifs, dafs, als der letzte dieser Fürsten
das genealogische Gemähide seiner Vorfahren verfertigen
liefs, sein Vater und Grosvater noch am Leben waren. Die-
ser Umstand wird durch die kleinen Zungen, welche in
einiger Entfernung von dem Mund angebracht sind , deut-
lich bezeichnet. Ein todter Mensch, sagen die Eingebornen,
ist zu ewigem Stillschweigen gebracht: ihrer Meinung nach
ist leben reden; und, wie wir bald sehen werden, viel reden
ein Zeichen von Macht und Adel. Diese Figuren von Zun-
gen finden sich auch auf dem mexicanischen Gemähide von
— 74 —
der allgemeinen üeberschwemmung , welches Gemelli nach
der Handschrifr des Siguenza bekannt gemacht hat. IVlan
sieht auf demselben stumnngeborne Menschen, die sich zer-
streuen, um die Erde wieder zu bevölkern , und einen Vo-
gel , welcher 33 verschiedene Zungen unter sie vertheilt.
Auf gleiche Weise wird ein Vulcan, wegen des unterirdi-
schen Geräusches, das manchmal in seiner Nilhe gehört
wird, von den Mexicanern als ein Kegel abgebildet, über
welchem mehrere Zungen schweben , und heifst ein Vulcan
überhaupt der redende Berg. (^ Siehe oben in der J3e«
Schreibung der siebenten Kupfertafel.)
Es ist sehr merkwürdig, dafs der 'mexicanische Mahler
nur den drei Personen, die zu seiner Zeit lebten, das Dia-
dem (Copilli)y w^elches ein Zeichen der unumschränkten
Herrschaft ist, gegeben hat» Man findet diesen nemlichen
Kopfputz, aber ohne den Knoten, welcher sich gegen den
Rücken verlängert, auf den, von dem Abbe Clavigero her-
ausgegebenen, Figuren der Könige von der aztekischen Dy-
nastie. Der letzte Spröfsling der Herrn von Azcapozaico
ist auf einem indianischen Sessel sitzend , und mit blofsen
Füfsen abgebildet; dahingegen die todten Könige nicht al-
lein ohne Zunge, sondern auch die Füfse in den königlichen
Mantel (^Xuhtilmatli) eingehüllt, dargestellt sind, was
diesen Bildern eine grofse Aehnlichkeit mit den egyptischen
Mumien giebt. Es ist beinahe überflüfsig, hier die allge-
meine Bemerkung zu wiederholen , dafs auf allen mexicani-
schen Gemählden die Gegenstände, weiche durch einen Fa-
den mit dem Kopf verbunden sind, den Kennern der Sprache
der Eingebornen die Namen der Personen andeuten, welche
der Mahler vorstellen wollte. Auch cennen die Eingebornen
diesen Namen im Augenblick, da sie einen Blick auf die
Hieroglyphen werfen. Chimalpopoca bedeutet einen rau-
chenden Schild; Acamapitzin , eine Hand, welche Schilf-
rohre hält. Die Mexicaner mahlten daher, wenn sie d e
— 75 -^
Namen dieser beiden Könige, der Vorgänger von Montezu-
ma, andeuten wollten, einen Schi d und eine Faust, die,
mittelst eines Fadens, an zvvey, mit der königlichen Binde
gezierte, Köpfe geknüpft waren. Ich habe sogar auf Ge-
mUhlden , welche nach der Eroberung verfertiget worden
sind ,..den fapfern Pedro Alvarado mit zweyen hinter sei-
nem Nacken angebrachten Schlüsseln dargestellt gesehen,
was wahrscheinlich auf die Schlüssel des heiligen Pe-
trus anspielte, von denen das Volk überall Abbildungen in
den christlichen Kirchen sah. Was die Fufsstapfen hinter
den Köpfen ?uf unsrem genealogischen Gemahlde bedeuten,
ist mir unbekannt; auf andern aztekischen Mahlereien aber
bezeichnet diese Hieroglyphe Strafsen, Wanderungen und
•manchmal die Richtung einer Bewegung.
Ein Prozefs'Stück in Hier ogl yphen-Schrift,
Unter der grofsen Menge von Mahlereien, welche die
ersten Eroberer bei den mexicanischen Völkern fanden, hat-
ten viele die Bestimmung, als Documente in Streitsachen
zu dienen. Das Fragment, welches der Genealogie der
Herrn von Azc pozalco beigefügt ist, zeigt uns ein Beispiel
dieser Gattung, nemlich ein Stück aus einem Procefs, der
über den Besitz eines indianischen Meierhofs erhoben wurde.
Unter der Dynastie der aztekischen Könige war das Ge-
werbe der Advocaten in Mexico unbekannt. Die Pardiion
erschienen in Person, um ihre Sache entweder vor dem Rich-
ter des Orts, Teuctli genannt, oder vor den obersten Ge-
richtshöfen , die mit den Namen Tlacatecatl oder Cihuacoatl
bezeichnet wurden , zu verfechten. Da der Urtheilsspruch
nicht sogleich nach Anhörung der Parthien gegeben wur-
de, so erheischte der Vortheil der Procefsierenden, in den
Händen der Richter eine hieroglyphi&che Mahlerei zu lassen,
welclie diese an den Hauptgegenstand ihres Streits erin-
nerte. Führte der König selbst in der Versammlung der
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Richter den Vorsitz, was alle zwanzig und, in gewifsen
Fällen , nur alle achtzig Tage der Fall war, so wurden diese
Procefsschriften unter die Augen des Monarchen gelegt. Bei
Criminal-Fällen stellte das Gemahlde den Angeklagten nicht
nur in dem Augenblick vor, da er das Verbrechen begangen,
sondern auch in den verschiedenen Umstanden seines Lebens,
welche dieser Handlung vorhergegangen waren. Wenn der
König das Todesurtheil aussprach, so zog er mit der Spitze
eines Wurfspiefses einen Strich durch den Kopf des, auf
dem Gemähide abgebildeten, Angeklagten.
Der Gebrauch dieser, zu Procefs- Schriften dienenden,
Malereien erhielt sich noch lange Zeit nach der Eroberung
bei den spanischen Tribunalen. Da die Eingebornen nicht
anders, als mittelst eines Dollmetschers , zu ihren Richtern
sprechen konnten, so hielten sie 4ie Anwendung von Hie-
roglyphen für doppelt nöthig, und man legte sie den ver-
schiedenen Justizhüfen in Neu-Spanien (der Real Audien-
cia, der Sala del Crimen, und dem Jiisgado de Indios)
noch bis zu Anfang des 17^«" Jahrhunderts vor. Als Kaiser
Carl V., seinem Plan zufolge, die Künste und Wissenschaf-
ten auch in diesen eptfernren Gegenden blühen zu machen,
im Jahr 1553 die Universität zu Mexico stiftete, wurden
drey Lehrstühle für den Unterricht in der aztekischen und
olomischen Sprache, und für die Erklärung der hierogly-
phischen Mahlereien errichtet, und man hielt es lange Zeit
für unumgänglich nöthig, Advocaten, Procuratoren vind
kichter zu haben, welche im Stand wären, die Procefs-
Schriften, die genealogischen Mahlereien, den alten Codex
der Gesetze und das Verzeichnifs der Auflagen (Jributos)
welche jedes Lehen seinem Ober- Lehnsherrn entrichten mufs-
te, zu lesen. Noch gegenwärtig sind in Mexico zween Pro-
fessoren für die indianischen Sprachen, und nur der» dem
Studium der aztekischen Alterthümer gewidmete, Lehrstuhl
ist eingegangen. Der Gebrauch der Mahlereien hat sich völ-
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Hg verloren, nicht, als' ob die spanische Sprache bei dau
Eil gebornen grössere Fortschritte gemacht hatte, sondern
weil Letztre wissen, dafs es ihnen , bey der gegenwärtigen
Einrichtung der Tribunale, weit nützlicher ist, ihre Rechts-
sachen durch Advocaten vor dem Richter vertheidigen zu
lassen.
Das GemUhlde auf der zwölften Tafel scheint einen Pro-
cefs zwischen Spaniern und Eingebornen zu enthalten. Der
Gegenstand des Streits betrift eine Meierei, von der der
Grundrifs beigefügt ist. Man erkennt die Landstrafse, wel-
che durch Fufsstapfen bezeichnet ist, im Profil gezeichnete
Häuser, einen Indianer, dessen Namen durch einen Bogen
angegeben wird; und spanische Richter, die auf Stühlen
sitzen und die Gesetze vor sich haben. Der, zunächst über
den Indianer gestellte , Spanier nennt sich wahrscheinlich
Aquaverde; denn die Hieroglyphe von grün gemahltem
Wasser befindet iich hinter seinem Kopf, Die Zungen sind
auf diesem Gemähide sehr urgleich vertheilt. Alles kündigt
den Zustand eines eroberten Landes an ; kaum wagt es der
Eingeborne, seine Sache zu vertheidigen, wahrend die
Fremden mit langen Bärren als Abkömmlinge eines erobern-
den Volks viel und laut sprechen.
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